Schmid-Federer Barbara · Nationalrat · 2015-03-04
Schmid-Federer Barbara · Nationalrat · Zürich · Fraktion CVP-EVP · 2015-03-04
Wortprotokoll
Diese Initiative ist geprägt von Befürchtungen und Ängsten - von der Angst, dass ein Kind unnötig früh mit sexuellen Themen konfrontiert wird, für die es noch nicht reif ist; von der Angst, dass eine Lehrperson mit nichtreligiöser Lebenshaltung die Erziehung des Kindes negativ beeinflusst; von der Angst, dass die Eltern die Kontrolle über die sexuelle Erziehung ihres Kindes verlieren; von der Angst, dass ein allzu liberales, pluralistisches Lebensmodell zur Norm in unserer Gesellschaft wird. "Wehret den Anfängen!", sagen uns die Initiantinnen und Initianten.
Ein Kind kommt heute früher als in der Vergangenheit mit Sexualität in Kontakt, zumindest auf visueller Ebene. Ein Internet ohne Grenzen ermöglicht es jedem Erwachsenen, aber auch jedem Kind, mit einem Mausklick den Zugriff zu harter Pornografie zu erhalten. Das bereitet auch mir Sorgen. Aber gerade deshalb lehne ich die Initiative ab; gerade deshalb ist es wichtig, dass alle Kinder, auch diejenigen, die in schwierigen Familienverhältnissen aufwachsen, Zugang zu umfassenden Informationen erhalten. Sie müssen wissen, dass es rund um die Sexualität biologische, psychische, emotionale und soziale Faktoren, aber auch Faktoren des Machtgefälles gibt. Wie viele Jugendliche haben mir schon [PAGE 116] berichtet, dass sie in gewissen Situationen überfordert gewesen seien, dass sie nicht gelernt hätten, im richtigen Moment Nein zu sagen! Nein zu sagen, das muss gelernt werden. Ein solches Nein braucht es manchmal auch in der eigenen Familie, in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis.
Ich gehe mit den Initianten einig, dass die Aufklärung Sache der Eltern ist. In der gelebten Realität hingegen ist es oftmals so, dass nicht wenige Eltern Mühe haben, dieses Thema mit ihren Kindern sachlich zu besprechen. Was früher an vielen Orten ein Tabuthema war, ist es in manchen Familien nach wie vor. Auch gibt es viele Eltern, die nur schlecht damit umgehen können, dass ihre jugendlichen Kinder bei der Sexualität einen eigenen Weg suchen und finden müssen. Nicht zuletzt gibt es viele Eltern, denen der direkte, emotionale Kontakt zu ihren Kindern fehlt. Aus all diesen Gründen ist es wichtig, dass Eltern in der Erziehungsaufgabe von der Schule unterstützt und ergänzt werden, denn nur so können alle Kinder und Jugendlichen in der Schweiz weiterhin auf ein wertvolles Netz an Informationen zählen, die sie dringend benötigen.
Wenn ich dieser Initiative etwas Positives abgewinnen kann, dann den Hinweis, dass Schulen sehr sorgfältig mit dem Sexualunterricht umgehen sollen. Dieser Hinweis kann nicht genug betont werden. Unser bisheriges System hat sich aber bewährt, wie gleichfalls unsere weltweit tiefe Abtreibungsrate gerade auch bei jungen Frauen zeigt.
Aus all diesen Gründen bitte ich Sie, diese Initiative klar zur Ablehnung zu empfehlen.