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Ingold Maja · Nationalrat · 2015-03-04

Ingold Maja · Nationalrat · Zürich · Fraktion CVP-EVP · 2015-03-04

Wortprotokoll

Wenn man sich in den Schulhäusern umhört, den Kindern zuhört und mit den Lehrpersonen spricht, weiss man nicht, was die Ängste der Initianten geschürt hat und von welchem Modell einer altersadäquaten Sexualerziehung sie ausgehen. Man muss ein bisschen in die Geschichte schauen: Im August 2010 formierte sich eine lose Interessengemeinschaft. Vertreten waren Lehrpersonen, Sexualpädagogen, Kirchenvertreter, Parteivertreter, Politiker, Ärzte und Vertreter diverser christlicher Organisationen. Sie erstellten Leitlinien für eine Sexualpädagogik in der Schule. Sie wollten Zweifel säen an der Vorgehensweise gemäss den Inhalten des Lehrplans 21. Sie sahen das Schreckgespenst eines Lehrplans, der den Sexualkundeunterricht an den für ihre Kinder engagierten Eltern vorbei festlegt. In diesem Zusammenhang nahmen sie das BAG und vor allem das Kompetenzzentrum Sexualpädagogik und Schule der PH Zentralschweiz ins Visier. Sie fürchteten, dass genderideologisches Gedankengut Eingang in die Einflusssphäre der Schule finden würde. Als dann im Frühjahr 2011 die Sexkoffer-Affäre in Basel Kreise zog, hatten sie ein willkommenes Beispiel für eine in ihren Augen absolut nicht altersadäquate Massnahme. Und mit einigem Recht sprachen sie von fraglicher Enttabuisierung, Desymbolisierung und Banalisierung. Mit diesen Befürchtungen wurde die Volksinitiative genährt.

Doch heute ist bezüglich Lehrplan 21 überhaupt nichts von dem befürchteten Szenario eingetroffen. Da kann man Entwarnung geben. Die Einflussmöglichkeit des BAG und des Luzerner Instituts ist nicht so, wie befürchtet wurde. Wohl können diese Fachorganisationen wahrscheinlich Vorschläge machen und ihre fachliche Sicht der Dinge anbieten, aber es sind die Kantone, die Bildungsdirektionen, die entscheiden und verantworten, mit wem sie zusammenarbeiten wollen. Also ist auch da Entwarnung angesagt. Vom Sexkoffer müssen wir gar nicht mehr sprechen, der ist längst verschwunden.

Folgerung: Der ganze Wirbel beruhte auf mangelndem Wissen, was die Organisationsstrukturen und Kompetenzen betrifft. Vor allem scheint es, dass gar nicht wahrgenommen wurde, was heute in der Volksschule vorhanden ist, und dass eigentlich gar kein Systemwechsel angezeigt ist.

Die Initiative hat ein paar entscheidende Nachteile, die davon herrühren, dass die Initianten nur an ihre etwas elitäre Situation denken, in der Eltern jederzeit die Sexualerziehung ihrer Kinder im Griff haben, sie nicht vergessen, sie adäquat anwenden. Man sieht ihrem Wunsch nach möglicher Dispensation vom Unterricht an, dass sie womöglich nicht nur einfach in Kauf nehmen, dass dadurch "Zweiklassen-Schulklassen" entstehen. Oder die Initianten wünschen sich insgeheim sogar weniger soziale Durchmischung.

Wo kämen wir hin, wenn man sich bei allem, was entfernt mit Lebenskunde zu tun hat, abmelden könnte? Genau von diesem Virus wollen wir die Volksschule fernhalten. Das Wichtigste an einer gelingenden Sexualerziehung liegt im integrativen Ansatz: Alle Kinder müssen dabei sein. Sie setzen sich gemeinsam mit anderen Körperbefindlichkeiten auseinander, mit anderen Problemen, mit anderen Fragen - z. B. mit dem, was an Pornografie auf dem Handy erscheint -, mit Erlebnissen, mit Ängsten. Genau das ist wertvoll. Die Kinder kommen danach schon damit nach Hause, und es ist dann die Stunde der einfühlsamen Eltern. Aber die Kinder sollen unabhängig von der Situation im Elternhaus ihrem Alter entsprechendes Wissen vermittelt bekommen.

Die EVP hat die Volksinitiative aus taktischen Gründen abgelehnt. Sie befürchtet, dass eine grossmehrheitliche Ablehnung die teilweise Praxis der Dispensation erst recht beseitigt. Ausserdem ist für sie eine eidgenössische Volksinitiative das falsche Instrument, da die Kantone in dieser Frage die Kompetenz haben. Wo die Volksinitiative richtig liegt, ist bei der Kritik an einer gewissen Übergriffigkeit und an mangelnder Ideologiefreiheit bei Bundesämtern und Fachinstituten, die es sich gern in den Schulstuben gemütlich machen würden.

Trotzdem ist die Initiative zur Ablehnung zu empfehlen.