Engler Stefan · Ständerat · 2014-06-19
Engler Stefan · Ständerat · Graubünden · Fraktion CVP-EVP · 2014-06-19
Wortprotokoll
Ich danke dafür, dass der Bundesrat die Motion zur Annahme empfiehlt. Er sagt damit gleichzeitig, nicht tatenlos zusehen zu wollen, wenn die Wolfsbestände unkontrolliert wachsen und mit ihnen auch die Konflikte mit der Bevölkerung, vor allem im Alpengebiet. Die Rückkehr des Wolfes in die Alpen und Voralpen wird von vielen Menschen im Land mit Interesse und mit Sympathie verfolgt. Für viele steht der Wolf, dieses hundeartige Wildtier, seiner Eigenschaften und Fähigkeiten wegen sogar als Symbol da, Symbol für eine romantische Natursehnsucht in einer technisierten Gesellschaft. Diese Faszination vieler Menschen steht allerdings im Widerspruch zu den Sorgen weniger, die davon betroffen sind, wenn sie durch wachsende Wolfsbestände ihre Lebensgewohnheiten bedroht sehen. Kein Wunder, dass sie sich im Stich gelassen fühlen, wenn das Interesse an der Verbreitung um so viel höher gewichtet wird, als ihre Bedürfnisse und Nöte, die oftmals sogar ihre bescheidene Existenz betreffen. Die Situation gegenüber vor zehn Jahren hat sich verändert. Es sind nicht mehr nur vereinzelte Jungwölfe, die das Alpengebiet durchstreifen, neu und spürbar ist ihre Verbreitung zunehmend bis in die Tallagen im Alpen- und Voralpengebiet, und wie wir soeben erfahren konnten, bis in die Agglomeration von Zürich. Waren es noch vor fünfzehn Jahren erst 4 nachgewiesene Wölfe, sind es heute gegen 20, die genetisch identifiziert sind. Man kann sich jetzt fragen: Wohin führt das, und wie hoch wird der Wolfsbestand in der Schweiz in den nächsten zehn Jahren sein? Werden es 60, 80 oder sogar 150 Wölfe sein? Angesichts der hohen Fähigkeit, sich fortzupflanzen, und des theoretisch als geeignet beurteilten Lebensraums ist damit zu rechnen, dass sich im Verlaufe der nächsten zehn Jahre der Bestand jedenfalls vervielfachen kann.
Wo liegen die aktuellen Schwierigkeiten und Konflikte? Die Konflikte mit der land- bzw. alpwirtschaftlichen Nutzung nehmen zu, aktuell auch dort, wo bisher keine Wölfe aufgetreten sind, was mit einer erheblichen Zunahme der Herdenschutzaufgaben verbunden sein wird. Im Winter konnte man in meinem Kanton feststellen, dass Wolfsrudel sich auch in Siedlungsnähe aufhalten. Das ist kein Wunder, folgen sie doch den Beutetieren. Einzelne, wenig scheue Tiere, vermutlich junge Tiere, haben auch entsprechend Befürchtungen bei der Bevölkerung vor Ort verursacht. Das führt zu einer sinkenden Akzeptanz und gleichzeitig zu einem hohen Aufwand für die Betreuung und Information.
Weshalb sich jetzt mit dem Thema befassen und nicht länger zuwarten? Ich bin überzeugt davon, dass wir rechtzeitig taugliche Rezepte und Instrumente für ein pragmatisches Vorgehen bezüglich des Umgangs mit Wolfsrudeln benötigen. Die Schönwettervariante, nämlich der Vollschutz, taugt beim raschen Wachstum der Wolfspopulationen, das aufgrund der Erfahrung anderer Länder zu erwarten ist, nicht mehr. Wir brauchen Instrumente zur behördlichen Kontrolle und Begrenzung der Wolfspopulationen. Die bestehenden Konzepte zum Schutze des Wolfes können nicht genügen, um diese künftigen Konflikte zu bewältigen. Weshalb nicht? Weil sie, gestützt auf Artikel 12 Absatz 2 des Jagdgesetzes, immer erst im Nachgang zu Angriffen oder zur Verursachung von Schäden greifen und an eine ganze Reihe zusätzlicher Auflagen und Bedingungen geknüpft sind.
Mit meiner Motion möchte ich erreichen, dass gestützt auf Artikel 7 und nicht auf Artikel 12 des Jagdgesetzes Eingriffe möglich sind, wenn die Abwägung gleichwertiger öffentlicher Interessen das erfordert. Ich glaube, dass es notwendig ist, den Kantonen für den Alltag ein pragmatisches Vorgehen zu ermöglichen. Bei mehr Wölfen und einer zunehmenden Anzahl von Rudeln entstehen auch immer mehr Brennpunkte, und das unter unterschiedlichsten Bedingungen. Das wiederum verlangt situative und flexible Lösungsansätze.
Der zweite entscheidende Faktor ist die Erhaltung der natürlichen Scheu der Wölfe, vor allem der jungen Wölfe, gegenüber dem Menschen. Ich habe es erwähnt: Erfahrungen zeigen, dass sich vor allem Jungtiere gegenüber Menschen oft wenig scheu verhalten. Mit gezielten Eingriffen bei wenig scheuen Tieren könnte eine Verbesserung der Situation erreicht werden. Damit erreichte man auch die dringend notwendige bessere Akzeptanz bei der einheimischen Bevölkerung, wenn mit einer abgeflachten Wachstumskurve bei den Wolfspopulationen, vor allem in den Regionen mit regelmässiger Reproduktion, Eingriffe möglich sind.
Ich bin auch überzeugt davon, dass Herdenschutz und zumutbare Abwehrmassnahmen an Grenzen stossen werden, sofern dies nicht schon der Fall ist. Jetzt könnte man sich auf den Standpunkt stellen und in Kauf nehmen, dass die oft im Nebenerwerb betriebene Kleintierhaltung ja aufgegeben werden könnte, weil Aufwand und Nutzen in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zueinander stehen. Das will ich nicht.
Es ist auch ein Irrtum zu glauben, man könne mit Entschädigungen für gerissene Tiere und für den Zusatzaufwand, der den Landwirten entsteht, auf Dauer ein Zusammenleben erzwingen.
Nur wenn sich die Betroffenen darauf verlassen können, dass sie als Menschen mit ihren spezifischen Bedürfnissen auch als ein Teil der Natur anerkannt werden, sind sie auch bereit, ihren Anteil zum Zusammenleben beizutragen. Wo genau die Grenzen der Zumutbarkeit liegen, wie die einander gegenüberstehenden Interessen zu gewichten sind, mit welchen Instrumenten und unter welchen Voraussetzungen eingegriffen werden kann - das sind Fragen, die im Fall einer Annahme der Motion im Rahmen der Gesetzesanpassungen zu diskutieren sind. Das wird, da mache ich mir nichts vor, noch zu kontroversen Auseinandersetzungen führen. [PAGE 693]
Ich bedanke mich nochmals für den Antrag des Bundesrates auf Annahme der Motion und dafür, dass er das Thema ernst nimmt.