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Fehr Jacqueline · Nationalrat · 2006-05-11

Fehr Jacqueline · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-05-11

Wortprotokoll

Konrad Adenauer sagte einst: "Kinder gibt es immer." Er meinte mit dieser Aussage, Frauen bekämen sowieso Kinder, eine Familienpolitik erübrige sich deshalb. Diese Haltung, auch in der Schweiz tief verankert, erweist sich als einer der grössten Irrtümer der modernen Zeit. Der Wunsch nach Kindern ist auch bei den Frauen nicht genetisch-hormonell veranlagt, sondern entwickelt sich mit Blick auf das reale Leben. Da seit Einführung der Pille und anderer wirksamer Verhütungsmittel der Entscheid über Kinder bewusst gefällt werden kann, steht heute [PAGE 696] das Lebensmodell Familie in Konkurrenz zu anderen Lebensentwürfen.

Damit sich Paare auf das Abenteuer Familie einlassen, müssen verschiedene Rahmenbedingungen - emotionale, ökonomische, gesellschaftliche - stimmen. Dabei werden allerdings die wenigsten Paare eine klar analytische Bewertung dieser Rahmenbedingungen vornehmen; vielmehr beeinflussen die Umstände den Kinderentscheid unterbewusst. Deshalb sprechen wir auch von einem familienfreundlichen oder eben familienfeindlichen Klima. Wenn wir das Verhalten der jungen Paare ansehen, müssen wir davon ausgehen, dass die Schweiz ein kinderfeindliches Land ist. Eltern werden wenig unterstützt, im Gegenteil: Immer mehr zeigen wir mit dem Finger auf die wenigen, die noch Kinder haben, und machen sie für alle Entwicklungen verantwortlich, die uns Sorgen bereiten.

Wenn wir die jungen Menschen fragen, wie sie sich eine kinder- und familienfreundlichere Schweiz vorstellen, erwähnen sie rasch und oft das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie; nicht nur, das sei hier erwähnt - es gibt auch andere Probleme, die gelöst werden müssen -, aber eben sehr oft. Die Tatsache, dass in der Schweiz Beruf und Familie nur schwer vereinbart werden können, ist nicht das einzige, aber das grösste Problem.

Ein zweites Thema rückt ebenfalls ins Blickfeld, nämlich die Vereinbarkeit von Ausbildung und Beruf. Vier von zehn Akademikerinnen verzichten heute auf Kinder; bald wird es die Hälfte sein. Diese Frauen schieben den Entscheid für oder gegen Kinder oft sehr lange hinaus, oft so lange, bis es aus beruflichen oder persönlichen Gründen zu spät ist. In der EU kommt deshalb eine Diskussion in Gang, wie das Studium vor dem Hintergrund der Bologna-Reform und die Familiengründung besser vereinbart werden könnten. Die Schweiz muss sich in solche Diskussionen einklinken. Sie ist in der Vereinbarkeitsfrage sowieso schon im Rückstand. Bereits heute kommt uns das teuer zu stehen. Wenn wir in die Zukunft schauen, wissen wir, dass wir ohne grosse Fortschritte in diesem Bereich Mühe haben werden, mit der wirtschaftlichen Entwicklung moderner Staaten Schritt zu halten.

Mit der Motion fordere ich einen Massnahmenplan. Der Plan soll zusammen mit den Kantonen, Gemeinden, Sozialpartnern und Fachorganisationen ausgearbeitet werden. Nur so kann gewährleistet werden, dass die darin aufgelisteten Massnahmen anschliessend wirksam und auch rasch umgesetzt werden können. Die Kompetenzordnung soll in diesem Prozess gewahrt werden. Es macht wenig Sinn, wenn angesichts des grossen Aufholbedarfs alle Akteure das Rad für sich selber erfinden, wenn überall neue Projekte entstehen, ohne dass andere davon wissen. Es macht keinen Sinn, wenn wir nicht wissen, wo der dringendste Handlungsbedarf ist und wie er bewältigt werden könnte. Dieses unkoordinierte Vorgehen kostet uns sehr, sehr viel Zeit und damit auch sehr, sehr viel Geld. Wenn wir hier dem Massnahmenplan zustimmen, dann sagen wir auch Ja zu einem sparsamen Umgang mit den Ressourcen, mit dem Wissen, mit der Zeit und auch mit dem Geld.

Ich bitte Sie, die Motion anzunehmen.