Pfister Theophil · Nationalrat · 2001-12-12
Pfister Theophil · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2001-12-12
Wortprotokoll
Die Lehrstellen-Initiative gibt einen Verfassungstext vor, der in der Umsetzung zu erheblichen unerwünschten Veränderungen führen kann. Gemäss der Initiative soll der Staat den Übertritt des Schulabgängers in die Berufswelt zu seiner Sache machen.
Diese Forderung ist aus der Sicht einiger besorgter Eltern verständlich. Die Berufswahl, dann die Suche nach einer Lehrstelle und danach der Übertritt in eine Berufslehre beschäftigen die Schulabgänger und ihre Eltern sehr stark. Gerade darum sind genauere Kenntnisse über unser Berufsbildungssystem für Eltern und Jugendliche sehr wichtig. Die Berufswahl und die gewählte Lehrstelle bedeuten für den Schulabgänger den Einstieg in den freien Arbeitsmarkt. Dies ist wohl die grösste und wichtigste Hürde, die ein junger Mensch nach der obligatorischen Schule zu bewältigen hat. Wer dies erfolgreich geschafft hat, dem ist der Mechanismus der Marktwirtschaft vertraut und verständlich.
Die Zurückhaltung des Staates ist hier notwendig, um die selbstständige Eingliederung des Jugendlichen in die Arbeitswelt zu fördern.
Dies sollten wir bedenken, bevor wir dem Staat den Auftrag erteilen, das wettbewerbsfeindliche Bild und die falsche Sicherheit der Planwirtschaft als Ersatz für den freien Arbeits- und Lehrstellenmarkt anzubieten. Die Lipa trägt aus dieser Sicht zu viele sozialistisch-planwirtschaftliche Züge und schafft damit nicht nur neue Probleme, sondern sie verursacht auch unnötige Kosten. Sie vermittelte, würde sie angewendet, falsche Vorstellungen vom Arbeitsmarkt.
Dies bedeutet natürlich nicht, dass der Staat, also Bund und Kantone, bei der Berufswahl keine Aufgabe übernehmen soll. Die berufliche Bildung ist unbestritten eine Verbundaufgabe von Bund, Kantonen und den Organisationen der Arbeitswelt. Dieser Verbund ermöglicht einen ausgewogenen Aufgaben-, Pflichten- und Lastenausgleich, der die Lehrbetriebe sinnvoll einbindet und so unser erfolgreiches duales Berufsbildungssystem erst ermöglicht.
Wichtig ist hier auch die Berufsberatung. Sie wird verstärkt und besser koordiniert. Wenn nun, entgegen diesem Modell, der Staat, also Bund oder Kantone, einseitig ein "genügendes Angebot" gewährleisten muss, dann ist auch klar, dass sich damit die Verantwortlichkeiten und die Angebote verschieben. Die Lehrbetriebe und die Berufsverbände können sich zunehmend auf den Staat abstützen, und viele junge Leute wie auch viele Eltern tun dies dann ebenso. Mit jedem neuen Angebot, welches der Staat schafft, bremst er die Motivation des Gewerbes, den eigenen Nachwuchs selbst heranzubilden. Dieser Satz stammt nicht von mir. Es ist der Ausspruch eines erfahrenen Leiters der kantonalen Berufsbildung. Damit beginnt sich eine Spirale zu drehen, die sich nicht zum Vorteil der Berufsbildung auswirkt. Dies darf nicht das Ergebnis einer Verfassungsänderung sein.
Zum Berufsbildungsfonds: Schon heute bestehen in einigen Branchen solche Ausbildungsfonds, und das neue Berufsbildungsgesetz wird die Einführung der branchenspezifischen Fonds erheblich fördern. Es hat sich bei der Beratung des Berufsbildungsgesetzes klar gezeigt, dass ein nationaler Zwangsfonds negative Auswirkungen haben kann, indem er auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Branchen zu wenig Rücksicht nimmt. Ein Berufsbildungsfonds muss darum, wie im neuen Berufsbildungsgesetz vorgesehen, branchenspezifisch geregelt sein und auf eine positive Resonanz stossen. Das Gewerbe hat sich positiv zur Lösung im neuen Berufsbildungsgesetz geäussert. Die von der Praxis getragene Berufsbildung ist ein wichtiger Pfeiler unserer Arbeitswelt und unseres wirtschaftlichen Erfolges. Mit zunehmenden staatlichen Regulierungen erreichen wir keinen Fortschritt, sondern wir verlieren viel an unternehmerischem Denken und Handeln. Die Berufsbildung ist zu wichtig, als dass damit neue Verstaatlichungsexperimente gemacht werden dürften.
Die Lipa ist demzufolge kein taugliches Mittel, um Lehrstellenprobleme für schwächere Schüler zu lösen.
Ich bitte Sie, die Initiative abzulehnen und auf die neuen Möglichkeiten und Impulse im Berufsbildungsgesetz zu setzen.