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Tschäppät Alexander · Nationalrat · 2001-12-12

Tschäppät Alexander · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2001-12-12

Wortprotokoll

Als Präsident des Kaufmännischen Verbandes bin ich sicher legitimiert, ein Loblied auf das duale Berufsbildungssystem zu singen. Wir sind zu Recht stolz auf dieses System. Seine Stärke liegt sicher darin, dass auch leistungsschwächere und schulmüde Jugendliche zu einer Ausbildung kommen können. Das System hat sich in der Vergangenheit immer wieder bewährt - dies wurde in der Diskussion um das neue Berufsbildungsgesetz in den letzten Monaten wiederholt betont, egal aus welchem politischen Lager das gekommen ist. Insofern ist das neue Berufsbildungsgesetz sicher auch zu begrüssen.

Wichtig ist vor allem der Umstand, dass die duale Berufsausbildung nicht nur die Ausgewogenheit zwischen schulischer und betrieblicher Ausbildung gewährleistet, sondern dass bei ihr die ausbildenden Betriebe ebenfalls auf ihre Kosten kommen.

[PAGE 1860] Die Realität ist nun leider auch in diesem Lande eine etwas andere: Rund zehntausend Jugendliche durchlaufen die obligatorische Schule, um dann keine weitere Ausbildung mehr vorzunehmen. Das ist sozialer Sprengstoff für die Zukunft: Zehntausend Jugendliche, die alljährlich ohne jede Berufsausbildung in das Leben treten.

Der Schweizerische Kaufmännische Verband (SKV) hat deshalb schon vor Jahren die Forderung gestellt, dass alle Jugendlichen die Möglichkeit haben müssen, einen Abschluss auf Sekundarstufe II zu erreichen. In dieser Frage - dass möglichst alle Jugendlichen eine Ausbildung durchlaufen sollen - herrscht über alle politischen Parteien hinweg Einigkeit. Es ist aber auch klar, dass dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn alle Partner am gleichen Strick ziehen - nicht nur am gleichen Strick, sondern auch noch in die gleiche Richtung. Das heisst letztlich: Alle an der Ausbildung Beteiligten sind gefordert. Gefordert ist die Politik, gefordert sind die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer - die Auszubildenden eben -, gefordert ist aber vor allem auch die Arbeitgeberseite.

Ich plädiere hier ganz stark dafür, sich wieder einmal der sozialpartnerschaftlichen Verantwortung in der Ausbildung zu erinnern, etwas, was in den letzten Jahren stark gelitten hat.

Die Politik ist gefordert, weil wir mit dem neuen Berufsbildungsgesetz daran sind, eine gute Grundlage dafür zu schaffen, dass die Durchlässigkeit zwischen und innerhalb von Bildungsgängen sichergestellt ist. Mit dem vorliegenden Rahmengesetz, mit der Einführung von Fachhochschulen haben der Bundesrat und das Parlament einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung des schweizerischen Bildungssystems geleistet - das ist auch ein klares Bekenntnis zur dualen Berufsausbildung.

Die Arbeitnehmerseite ist ebenfalls gefordert; gefordert sind alle Jugendlichen, die vor oder in einer Ausbildung stehen: Es ist längst bewiesen, dass Menschen, die über eine gute Grundausbildung verfügen, nicht nur eine bessere Ausgangslage auf dem Arbeitsmarkt haben, sondern auch im Verlauf ihrer Berufsbiografie mehr Weiterbildung betreiben als die anderen.

Gefordert sind aber vor allem die Betriebe - die Arbeitgeberseite muss hier eindeutig mehr tun.

Es ist erwiesen: Je höher die berufliche Position der Arbeitnehmer ist, desto mehr werden sie vom Arbeitgeber gefördert. Sie werden stärker unterstützt, Weiterbildung zu betreiben, indem der Betrieb die Kurskosten sowie auch das zeitliche Engagement übernimmt und so dafür sorgt, dass eine höhere Qualifizierung möglich wird. Eine solche Entwicklung kann mittel- und langfristig aber auch dazu führen, dass sich die Schere zwischen gut und weniger gut qualifizierten Arbeitnehmenden weiter öffnet: Erstere erhalten und vergrössern ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt, den weniger gut Qualifizierten dagegen droht die Aussicht, vom technologischen und ökonomischen Veränderungsprozess überrollt zu werden und über kurz oder lang nicht mehr arbeitsfähig zu sein.

Die sich daraus ergebende Schlussfolgerung: Zuerst einmal muss sichergestellt sein, dass alle Jugendlichen das Recht haben, eine Ausbildung auf Sekundarstufe II zu machen. Die Sozialpartnerschaft ist, wie erwähnt, im Hinblick auf die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Schweiz vor allem in der Ausbildung ein zentrales Anliegen. Dazu gehört eben insbesondere das Wahrnehmen der Ausbildungsverantwortung. Immer mehr Betriebe ziehen sich aber heute aus der Ausbildungsverantwortung zurück. Heute ist nur noch gut einer von fünf Betrieben bereit, Lehrlinge auszubilden. Diese Tendenz muss sich klar ändern, wenn wir auf der einen Seite den Bildungsvorteil des Standortes Schweiz nicht verlieren und auf der anderen Seite die Sozialpartnerschaft nicht allzu stark strapazieren wollen.

Das Berufsbildungsgesetz legt einen guten Grundstein dafür, ist aber ungenügend. Deshalb stellt die Lipa-Initiative sicher ein angemessenes Mittel dar.

Als Präsident des Schweizerischen Kaufmännischen Verbandes fordere ich alle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber auf, ihre Ausbildungsverantwortung wahrzunehmen und mitzuhelfen, dass im Interesse der Jugendlichen, aber auch im Interesse der Betriebe und des ganzen Wirtschaftsstandortes Schweiz die duale Berufsausbildung nicht zu einem Lippenbekenntnis verkommt, sondern beibehalten und gestärkt wird. Die Lipa-Initiative weist diesbezüglich in die richtige Richtung.