Rechsteiner Paul · Nationalrat · 2001-12-12
Rechsteiner Paul · Nationalrat · St. Gallen · Sozialdemokratische Fraktion · 2001-12-12
Wortprotokoll
"Pisa 2000", die Kompetenzmessung der Jugendlichen im OECD-Vergleich, hat letzte Woche hohe Wellen geworfen, vor allem wegen der bedenklich schlechten oder durchschnittlichen Lesefähigkeiten der Schweizer Jugend. Weniger wahrgenommen worden ist bei dieser Studie, dass für die schulischen Kompetenzen die soziale Herkunft der entscheidende Faktor ist.
Auch wenn man den Begriff nicht mehr gerne hört: Wir leben in einer Form von Klassengesellschaft mit dramatischen Ungleichheiten, selbst wenn viele das nicht wahrhaben wollen. In der grossen Nationalfondsstudie des Lausanner Professors Levy ist die Bildung insgesamt als die tragende Säule der Ungleichheit in der Schweiz identifiziert worden, und zwar entlang der sozialen Stellung und entlang des Geschlechts. Noch immer verblüfft dabei die Rolle der Stellung der Väter. Ohne ein Uni-Studium überbewerten zu wollen: Was bedeutet es, wenn 48 Prozent der Söhne von Vätern, [PAGE 1863] die ein Uni-Studium abgeschlossen haben, ebenfalls ein Uni-Studium abschliessen, also jeder Zweite? Bei den Töchtern dieser Väter ist es noch jede Vierte. Bei den Söhnen von Vätern, die eine Berufslehre abgeschlossen haben, sind es noch 10 Prozent, also jeder Zehnte, bei den Töchtern 5 Prozent, also jede Zwanzigste. Bei den Töchtern der Ungelernten, bei denen sich soziale Lage und Geschlecht gewissermassen kumulieren, sind es dann sage und schreibe noch 1 Prozent, also nur jede Hundertste hat die Aussicht, ein Studium abzuschliessen.
Solche Extremwerte von 1 bis 48 zwischen Töchtern von Vätern ohne Lehre und Söhnen von Vätern mit Uni-Studium deuten auf eine schreiende Ungleichheit. Sie hat nichts zu tun mit Dummheit oder Intelligenz, aber viel mit Machtverhältnissen in der Gesellschaft. Derart extreme Ungleichheiten vertragen sich schlecht mit demokratischen Verhältnissen. Solche Ungleichheiten sind sozial, aber auch wirtschaftlich und volkswirtschaftlich gefährlich.
Zu den zentralen Bildungsinvestitionen, mit denen man gegen solche Tendenzen angehen kann, gehört die Berufsbildung, und hier setzt die Lipa an. Sie verlangt nicht nur entschiedene Antworten auf die Lehrstellenkrise der Neunzigerjahre, sondern sie verlangt gleichzeitig einen neuen Schwerpunkt der Bildungsinvestitionen an einem Ort, der für die gesellschaftliche Entwicklung der Schweiz, zusammen mit den Entwicklungen in der Volksschule und den entsprechenden Investitionen, entscheidend ist. Denn im Berufsbildungswesen wie auch in der Volksschule werden heute die Weichen für Entwicklungen gestellt, deren Auswirkungen wir teilweise erst in Jahren und Jahrzehnten spüren werden, dafür umso drastischer. Wer einen Investitionsschub in die berufliche Bildung zugunsten von Entwicklungschancen für alle befürwortet, wer die gesellschaftliche Integration an der Basis befürwortet, also auch von Jugendlichen, die nicht in bildungsmässig und sozial privilegierten Verhältnissen aufwachsen, und wer sich nicht mit den Gefahren zunehmender Ungleichheit abfinden will, der muss einen solchen Bildungsschub, wie ihn die Lipa auslösen möchte, befürworten.
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund, der die Initiative zusammen mit den Jugendverbänden trägt, anerkennt, dass mit der Revision des Berufsbildungsgesetzes einiges angestossen werden konnte, was sonst vielleicht nicht möglich gewesen wäre. Aber gemessen an den Notwendigkeiten bleibt die Revisionsvorlage nach den Beschlüssen des Nationalrates doch weit zurück. Mindestens subsidiäre Förderungsmöglichkeiten des Bundes im Sinne der Anträge, die ich leider vergeblich gestellt habe, würde es brauchen, damit auch dort etwas geschehen könnte, wo es besonders nötig ist, nämlich dort, wo es nicht schon funktionierende Institutionen der Berufsbildung in der Branche gibt.
Es gibt sie zum Glück in einigen Branchen, z. B. im Bausektor, aber in einigen Branchen existieren diese Möglichkeiten eben nicht, und dort setzt die Lipa an. Die Lipa verlangt keine Verstaatlichung, sondern sie will bei diesen bewährten Institutionen in der Berufsbildung ansetzen, aber auch dort Förderungsmöglichkeiten schaffen, wo die Branchen solche nicht kennen, und zwar ebenfalls mit einer Solidaritätsausbildungsfinanzierung durch all diejenigen, die keine Lehrlinge ausbilden. Das ist etwas, was im neuen Gesetz für Branchen aufgenommen wird, die solche Fonds bereits kennen. Es müsste aber auch dort geschehen können, wo es solche funktionierenden Institutionen nicht gibt. Das ist etwas, was im Ständerat - zusammen mit einer Aufwertung der Lehre - noch nachgeholt werden sollte. Vorläufig kann diese Bildungsinvestition für die Gesellschaft, für die Zukunft unseres Landes nur über die Lipa ausgelöst werden.