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Walter Hansjörg · Nationalrat · 2012-09-17

Walter Hansjörg · Nationalrat · Thurgau · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2012-09-17

Wortprotokoll

Leider müssen wir in dieser Session erneut einen Nachruf vornehmen. Wir gedenken heute des ehemaligen Ratsmitgliedes und Bundesrates Otto Stich, der am 13. September 2012 im Alter von 85 Jahren verstorben ist. Er war zwanzig Jahre lang Nationalrat und zwölf Jahre lang Bundesrat.

Otto Stich wuchs in einer Arbeiterfamilie im solothurnischen Dornach auf. Sein Vater war Mechaniker bei der damaligen BBC. Der Sohn hatte die Chance, ein Studium zu ergreifen, und studierte Volkswirtschaft und Finanzwissenschaften. Danach arbeitete er als Handelslehrer.

Otto Stich war schon früh politisch aktiv und wurde 1957 als 30-Jähriger zum ersten sozialdemokratischen Gemeindepräsidenten von Dornach gewählt.

Von 1963 bis 1983 war er Mitglied des Nationalrates. In dieser Zeit arbeitete er in sechs ständigen und in über hundert Ad-hoc-Kommissionen mit. Am 7. Dezember 1983 wurde er in einer denkwürdigen Wahl in den Bundesrat gewählt, als Nachfolger des im Amt verstorbenen Willi Ritschard und anstelle der offiziellen SP-Kandidatin Lilian Uchtenhagen. Bis zu seinem Rücktritt Ende Oktober 1995 wirkte er als Vorsteher des Eidgenössischen Finanzdepartementes.

Otto Stich fand in seiner Fraktion trotz der Umstände seiner Wahl nach und nach breite Unterstützung. Manche, die ihn damals in den Bundesrat gewählt hatten, hatten sich wohl einen etwas pflegeleichteren Magistraten vorgestellt.

Bei seiner Verabschiedung vor der Vereinigten Bundesversammlung meinte er: "Ich weiss, Sie haben es nicht immer leicht gehabt mit mir - und umgekehrt." (AB 1995 N 2326)

Während zwölf Jahren kämpfte Otto Stich hartnäckig und standhaft für eine Gesundung der Bundesfinanzen. Er setzte sich für eine soziale Staatsfinanzierung ein. Durch konsequentes Sparen sowie durch Mehreinnahmen versuchte er, den Haushalt ins Lot zu bringen. Im Rahmen der neuen Bundesfinanzordnung, die das Volk annahm, engagierte er sich bei der Verankerung der Mehrwertsteuer erfolgreich für einen höheren Steuersatz.

Manche empfanden seine Hartnäckigkeit und seinen Eigensinn in finanziellen Fragen als Starrsinn; das kümmerte ihn aber wenig. Beharrlich ging er seinen Weg und kämpfte für schwarze Zahlen. 1986 kam es - auch dank seinem Engagement - nach einer 15-jährigen Defizitperiode wieder zu Überschüssen in der Staatsrechnung.

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Auch das Projekt der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale betrachtete er primär unter dem finanziellen Aspekt. Vergeblich setzte er sich für eine Redimensionierung der Neat ein.

Otto Stich überzeugte das Stimmvolk 1992 vom Beitritt zum Internationalen Währungsfonds und zur Weltbank. Ihm gelang es danach auch, eine Stimmrechtsgruppe mit den Ländern Aserbaidschan, Kirgistan, Polen, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan zu bilden. Seither hat die Schweiz Einsitz in den Exekutivdirektorien von IWF und Weltbank.

Auch privat war Otto Stich ein sparsamer Mensch. Das Einzige, wofür er viel Geld ausgab, waren Tabakpfeifen. Immer wenn er sich ärgern musste, kaufte er sich zum Trost eine neue Pfeife. Das hat er selbst einmal erzählt.

Otto Stich argumentierte sachlich und mit klaren Worten. In seinen Dossiers war er sattelfest. Die politische Auseinandersetzung führte er fair und oft mit einer Prise trockenen Humors. Er schätzte auch die Geselligkeit im kleinen Kreis, etwa bei einer Partie Jass und einem Glas des von ihm geliebten sauren Mosts.

Bei seinem Rücktritt als Bundesrat 1995 unterstrich Otto Stich nochmals die Wichtigkeit, gute Lösungen in einer fairen Auseinandersetzung zu finden. Seine damaligen Worte sind auch heute noch gültig. Er sagte zur Bundesversammlung: "Zur Lösung der anstehenden Probleme wünsche ich Ihnen Mut, Beharrlichkeit und Zivilcourage. Helfen auch Sie mit, Politik verständlich zu machen. Nur damit können Sie Vertrauen schaffen; Vertrauen ist aber die wichtigste Voraussetzung für das Funktionieren der direkten Demokratie. Ich wünsche unserem Land eine glückliche Zukunft in Frieden und Freiheit." (AB 1995 N 2326)

Auch nach seinem Rücktritt blieb Otto Stich ein politischer Mensch und äusserte sich ab und zu pointiert zu politischen Themen. Seine geradlinige Art, seine Unerschrockenheit, sein hoher Gerechtigkeitssinn, sein Witz und seine Glaubwürdigkeit machten Otto Stich populär - auch beim Volk. Er verkörperte solide Bodenständigkeit und gesunden Menschenverstand, und er hatte einen Spürsinn für das politisch Machbare.

Wir werden Otto Stich als bescheidenen, standhaften und sozialen Finanzminister und als liebenswürdigen Menschen dankbar in guter Erinnerung behalten.

Im Namen des Nationalrates möchte ich seiner Familie von Herzen mein tiefstes Beileid aussprechen.

Ich bitte Sie und die Besucher auf der Tribüne, sich zu erheben und des Verstorbenen in einem Moment des Schweigens zu gedenken.

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Der Rat erhebt sich zu Ehren des Verstorbenen

L'assistance se lève pour honorer la mémoire du défunt