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Engler Stefan · Ständerat · 2015-03-17

Engler Stefan · Ständerat · Graubünden · Fraktion CVP-EVP · 2015-03-17

Wortprotokoll

Das Votum von Frau Kollegin Fetz provoziert mich, trotz fortgeschrittener Zeit etwas zum Thema der Deutungshoheit geschichtlicher Ereignisse zu sagen.

Vielen Dank für die Geschichtslektion; das war spannend. Daran gäbe es an und für sich nichts auszusetzen, wenn Sie nicht für sich gleichzeitig die Deutungshoheit über die geschichtlichen Ereignisse, auch jener von vor 1848, beansprucht hätten. Darauf hat der Bundesrat verzichtet, auch in der Beantwortung der im Nationalrat eingereichten Vorstösse von Peter Keller und Jacqueline Fehr, mit denen beide Ereignisspannen angesprochen wurden. In der Motion Fehr Jacqueline 14.3338 handelt es sich um die Zeit nach 1848 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Ich finde es durchaus angebracht, dass wir dieses Ereignisses, des Endes des Weltkriegs und seiner Opfer gedenken. In der Antwort zur Interpellation Keller Peter 13.3778 hat der Bundesrat auch gesagt, dass die Ereignisse am Morgarten und bei Marignano Teile des Weges unserer modernen Schweiz sind, dass es eine moderne Schweiz nach 1848 ohne die alte Eidgenossenschaft nicht gäbe. Insofern hat sich der Bundesrat in der Würdigung dieser Ereignisse zurückhaltend gegeben, aber immerhin für sich nicht beansprucht, die geschichtlichen Ereignisse deuten zu wollen. Kollege Bischofberger hat es mit Recht gesagt: Gehen Sie durchs Bundeshaus. In diesem Haus finden Sie überall geschichtliche Erinnerungskultur, beginnend in der Kuppelhalle mit den drei Eidgenossen, mit Winkelried sowie Niklaus von der Flüe, und endend in unserem Saal mit den goldenen Jahreszahlen, die alle markante Wegmarken unserer Verfassungsgeschichte belegen, oder mit dem Fresko der Nidwaldner Landsgemeinde, aus dem man entweder den Ursprung der direktdemokratischen Schweiz ablesen oder dabei wie Sie, Frau Fetz, beklagen kann, dass die Frauen nur gut genug waren, die Soldaten zu verpflegen oder zu den Kindern zu schauen, aber von der direktdemokratischen Mitwirkung ausgeschlossen waren. Dabei handelt es sich bei der Landsgemeinde um eine prägende Sequenz unserer Geschichte.

Der Casus Belli ist offenbar die Frage, ob es schicklich sei, Schlachten zu feiern. Natürlich ist es das nicht! Wer feiert schon Blutvergiessen, sei das am Morgarten oder in der Schlacht von Marignano? Die Frage ist vielmehr, was aus diesen Ereignissen und deren Umständen für die Zukunft der Schweiz abgeleitet werden kann, selbst wenn zwischen der historischen, auf Quellen beruhenden Wahrheit und dem, was Mythos ist, vielfach eine Grauzone besteht. Aber ein Land und seine Bevölkerung haben auch einen Anspruch auf Mythen. Wenn zum Beispiel aus den Ereignissen von Morgarten und Marignano abgeleitet wird, dass die Eidgenossenschaft in ihrem Ursprung über ein hohes Mass an Selbstbehauptungswillen und Freiheitsliebe verfügte, wenn sich also aus Marignano auch der Ursprung der Neutralität unserer modernen Schweiz herauslesen lässt, so kann doch niemand etwas dagegen haben.

Wir sollten etwas unverkrampfter an die Sache herangehen und beides würdigen: die moderne Schweiz nach 1848, aber auch das, was überhaupt erst zur Entstehung der modernen Schweiz geführt hat. Somit möchte ich dafür plädieren, die Sache etwas unverkrampfter anzuschauen und beides gelten zu lassen. Das eine schliesst das andere ja nicht aus.

Nicht einverstanden bin ich damit, wenn Sie - Herr Kollege Stöckli hat es nicht so direkt gesagt, aber mehrfach indirekt - all diejenigen in eine nationalkonservative Ecke stellen, die auf die frühe Geschichte unseres Landes, auf die Zeit der Eidgenossenschaft stolz sind. Das lasse ich so nicht gelten. [PAGE 242]