Feri Yvonne · Nationalrat · 2015-09-17
Feri Yvonne · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2015-09-17
Wortprotokoll
Mit Essen spielt man nicht! Das haben Sie sicher öfter Ihren Kindern gesagt oder selber als Kind von Ihren Eltern gehört. Genau das muss künftig auch für die Wirtschaft und die Politik gelten - es soll nicht nur in der Familie gelten.
Die Spekulation mit Nahrungsmitteln treibt die Preise, besonders in den Schwellenländern, massiv in die Höhe und führt zu millionenfachem Hunger. Wenn Spekulanten auf steigende Preise von Mais und Weizen wetten, können sich die Menschen am anderen Ende der Welt das tägliche Brot nicht mehr leisten. Doch das Recht auf Nahrung ist wichtiger als die Profite der Wirtschaft. Die Menschen in den Entwicklungsländern geben mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. In den Industrieländern sind es nur 10 bis 20 Prozent. Für die Ärmsten der Armen sind Preissteigerungen bei Brot und Getreide daher eine existenzielle Bedrohung.
Hunger führt zu Krankheit und Tod. Allein im Jahr 2010 stiegen die Nahrungsmittelpreise weltweit um ein Drittel, wodurch mehr als 40 Millionen Menschen zusätzlich in die [PAGE 1658] absolute Armut stürzten. Das Welternährungsprogramm nennt die Preissteigerungen der letzten Jahre einen stillen Tsunami. Armut hat einen direkten Zusammenhang mit der Ernährung. Schwangere Frauen, welche an Mangel- oder Unterernährung leiden, gebären ungesunde Kinder. So dreht sich die Spirale. Entweder sterben die Kinder sehr früh, oder sie leiden wiederum unter Mangelernährung, welche eine normale Entwicklung behindert. Werden diese Kinder erwachsen, haben sie oft eine Behinderung: Sie wachsen nicht, das Gehirn ist nicht voll entwickelt, oder sie leiden dauernd unter Infektionskrankheiten. Das wiederum führt dazu, dass die Arbeit auf dem Feld unmöglich wird. Diese sich drehende Spirale müssen wir in den Zusammenhang mit unserem Nahrungsmittelüberfluss und den immer stärker sinkenden Preisen unseres Essens stellen: Wir profitieren, andere tragen die Schäden, die durch diesen Profit verursacht werden.
Die Wirtschaft spielt ein trauriges Spiel in Sachen Nahrung. Warum werden beispielsweise aus Südspanien Tomaten nach Senegal geliefert, wenn die dortigen Bauern und Bäuerinnen dadurch ihre eigenen Produkte nicht verkaufen können? Viele Nahrungsmitteltransporte sind nicht nur überflüssig und umweltschädigend, sondern auch absurd. Lokale Bauersleute sitzen aufgrund solcher Transporte auf ihren Produkten fest und generieren kein Einkommen. Auch hier: Der Hunger ist vorprogrammiert, da Reis oder Weizen nicht bezahlbar sind.
Jean Ziegler wird nicht müde, es zu sagen, und ich werde nicht müde, ihn zu zitieren: Die Welt verfügt im Moment über genügend Nahrung für alle Bewohner und Bewohnerinnen. Theoretisch muss niemand Hunger leiden. Wir hätten sogar genügend Nahrung, um noch mehr Menschen zu ernähren. Das Problem sind die Preise. Wo sie hier teilweise lächerlich tief sind, sind sie andernorts unbezahlbar hoch. Das unterscheidet gemäss Ziegler den Hunger von gestern vom Hunger von heute. Früher haben Menschen gehungert, weil die Nahrungsmittel fehlten. Heute hungert man, weil man sie sich nicht leisten kann. Es gibt dazu Berechnungen. Die Verteilung und die Preise von vielen Produkten sind das grosse Problem. Es geht um gerechtes Verteilen: Wir haben zu viel, andere zu wenig. Wir werfen weg, andere essen aus dem Abfall. Das kann es doch wirklich nicht sein.
Ich habe es satt, Teil dieses Kreislaufes zu sein. Ich will ihn stoppen, und ich will eine gerechte Verteilung der Nahrung. Dazu braucht es aber verschiedene politische Massnahmen. Die hier vorliegende Initiative macht den ersten Schritt in die richtige Richtung und damit weg von einer Schweiz, die Nahrungsmittelspekulanten deckt und damit den Welthunger mitverantwortet.
Ich bitte Sie deshalb, diese Initiative zur Annahme zu empfehlen.