Keller Peter · Nationalrat · 2016-03-01
Keller Peter · Nationalrat · Nidwalden · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2016-03-01
Wortprotokoll
Es ist erfreulich, dass heute eigentlich alle Parteien hinter dem schweizerischen Berufsbildungssystem stehen. Von links bis rechts wird einhellig das Loblied auf das duale Berufsbildungssystem unseres Landes gesungen, obschon die meisten Sänger kaum eine Werkstatt von innen kennen, geschweige denn je in einer solchen gearbeitet haben.
Dieses Bekenntnis zur Berufsbildung ist relativ neu. Es ist noch nicht lange her, dass namentlich die OECD die Schweiz für ihre tiefe Maturitätsquote kritisiert hat. - Doch, Frau Heim, und es war Ihre Partei, die dieses Klagelied kräftig unterstützt hat. Man warnte davor, dass unser Land den Anschluss an die moderne Berufswelt verlöre. Diese Kritik ist heute ziemlich kleinlaut geworden, seit auch die OECD gemerkt hat, dass eine hohe Maturitätsquote noch gar nichts heisst - nichts über die Qualität der Abschlüsse und schon gar nichts über die Job-Perspektive junger Leute. Ein Blick auf die enorme Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich, Spanien, Italien, die alle eine weit höhere Maturitätsquote haben als wir, sagt alles.
Es ist interessant, Frau Heim, dass Sie in Ihren Ausführungen von Afrika gesprochen haben, von den Hunderttausenden von Hochschulabsolventen, die dort produziert werden und dann keine Arbeit finden; dabei mangele es, sagten Sie, an Elektrikern, Schreinern usw., also an Berufsleuten. Da haben Sie absolut Recht, aber dazu müssen Sie nicht über Afrika reden, Sie könnten auch über Europa und teilweise über die Schweiz reden.
Leider hat auch die Schweiz in dieser Lamento-Phase die Weichen falsch gestellt. Ganze Berufszweige wurden akademisiert - ich nenne die pädagogischen Berufe, das Gesundheitswesen, die sozialen Berufe. Bald muss offenbar auch eine Kindergärtnerin über einen Hochschulabschluss verfügen. Es war wiederum Ihre Partei, Frau Heim, die hier an vorderster Front die Akademisierung der Berufswelt vorantrieb.
Warum spreche ich hier über die Schweiz und die Situation der Berufsbildung in unserem Land, wenn es im vorliegenden Postulat doch um die Entwicklungshilfe, um die Berufsbildung im Rahmen von Migrationspartnerschaften geht? Die Schweiz wäre wesentlich glaubwürdiger, wenn sie zu Hause vorleben würde, was sie im Ausland zu predigen beabsichtigt. Die überzeugendste Politik ist immer noch das eigene Beispiel. Wenn heute Bildungspolitiker aus aller Welt in die Schweiz kommen, um unser duales Berufsbildungssystem zu studieren, so tun sie das nicht, weil bei uns Lehrer an pädagogischen Hochschulen ausgebildet werden. Das kennen sie auch aus ihrem Heimatland. Sie kommen in die Schweiz, weil bei uns beispielsweise junge Metallbauer oder Schreiner in einem Betrieb eine Lehre machen und dazu die Berufsschule besuchen. Diese enge Verbindung von Praxis und Theorie, von Berufswelt und Schule ist das grosse Plus unserer Berufsbildung.
Nun komme ich zum Postulat selber: Wir haben für das Anliegen absolut Sympathie. Uns ist es auch lieber, wenn die Entwicklungshilfe oder, wie Sie es politisch korrekt nennen, die Migrationspartnerschaft bodennah arbeitet und wenn sie eine praxisorientierte Zusammenarbeit gerade auch mit der Wirtschaft sucht. Aber das Postulat geht teilweise zu weit, wenn es, wie es heisst, eine vertragliche Einbindung fordert. Primär sollten die Unternehmen, auch die international tätigen, selber ein Interesse an der Berufsbildung haben. Wir sind gegen eine staatliche Zwängerei.
Die Stellungnahme des Bundesrates, der die Annahme des Postulates beantragt, ist ebenfalls aufschlussreich. Er hat bereits einen strategischen Grundlagenbericht zur internationalen Berufsbildungszusammenarbeit erstellt. Es gibt bereits Berufsbildungsprojekte, Sie haben sie genannt. Es gibt Stagiaire-Abkommen, die bereits in Kraft sind. Der Bundesrat hat in seiner Stellungnahme den Willen bekräftigt, Berufsbildungsprojekte auch in Zusammenarbeit mit Schweizer Firmen im Ausland zu verstärken. Über seine bereits geleisteten Aktivitäten wird uns der Bundesrat in seinem Bericht zur Migrationsaussenpolitik informieren. Der Bundesrat hätte das Postulat also auch mit den gleichen Argumenten zur Ablehnung empfehlen können, schliesslich hat er das Anliegen anerkannt, es teilweise schon umgesetzt und zugesagt, sich in diesem Bereich noch stärker zu engagieren.
Zusammengefasst kann man sagen: Das Postulat rennt offene Türen ein. Der Bundesrat setzt bereits auf Berufsbildungsprojekte. Die praxisnahe Berufsbildung ist wichtig, allerdings auch in der Schweiz. Wir überzeugen andere Länder nur, indem wir Vorbild bleiben und nicht weiter Berufe akademisieren und Hochschulabsolventen produzieren, die in der Privatwirtschaft nicht gefragt sind.
Wir sagen deshalb Nein zu einem weiteren Bericht, der nur die bestehenden Erkenntnisse wiederholt und die Verwaltung beschäftigt. Wir lehnen das Projekt ab, nicht das Anliegen als solches. Wir sind ebenfalls der Ansicht, dass die Deza vermehrt Berufsbildungsprojekte fördern und dabei auch die Zusammenarbeit mit Schweizer Firmen suchen soll; diese muss aber auf freiwilliger Basis geschehen.