Bischof Pirmin · Ständerat · 2016-03-10
Bischof Pirmin · Ständerat · Solothurn · CVP-Fraktion · 2016-03-10
Wortprotokoll
Meine kleine Tochter ist inzwischen fünfeinhalb Monate alt. Ich gebe zu: Das ist noch etwas früh, um zu beurteilen, ob sie später einmal Ingenieurin werden möchte oder nicht. Immerhin hat meine Tochter aber zur Geburt von einer Tante ein kleines, zehn Zentimeter langes Holzautolein geschenkt erhalten. Die Tante hat sich, als sie uns das Geschenk gegeben hat, entschuldigt und gesagt, dass sie, als sie das Auto gekauft habe, ja noch nicht gewusst habe, ob es ein Mädchen oder ein Bub werden würde.
Was hat das jetzt mit der Ingenieurausbildung in der Schweiz zu tun? Schon ziemlich viel. Es hängt wohl mit dem Bild des Ingenieurberufs zusammen oder überhaupt mit unserem Verständnis für Technik. Ein Mädchen kann später auch Ingenieurin werden, obwohl viele Menschen in diesem Land sich das nicht vorstellen können. Meine Tochter spielt inzwischen lieber mit dem kleinen Auto als mit dem pädagogisch wertvollen Griffspielzeug, das wenig definierbar, aber weich ist, wenn sie damit umgeht.
Scherz beiseite: Wir haben in der Schweiz heute die Situation, dass wir nicht nur bei den Ingenieurberufen vor dem Grundentscheid stehen, ob wir eigentlich qualifizierte Menschen in diesem Lande - ich sage es bewusst so - importieren wollen oder ob wir sie weiter selber ausbilden wollen. Wenn Sie dem Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverband glauben, brauchen die betreffenden Büros pro Jahr 3000 neue qualifizierte Mitarbeitende - 3000! Davon kommt gegenwärtig, und zwar seit Jahren, ein Viertel, also 750 Leute, aus dem Ausland, und zwar schlicht und einfach nur darum, weil es in diesem Lande keine genügende Anzahl entsprechender qualifizierter Ausgebildeter gibt. Das ist nicht nur unter dem Blickwinkel der Masseneinwanderungs-Initiative bedauerlich; das ist auch schlecht für die Kultur eines Berufs. Gerade auch im Ingenieurbereich, bei den Geometern, den Bauingenieuren, muss man nicht nur die technische Ausbildung haben. Es ist auch von Vorteil, wenn man die Kultur des Ortes, also die Kultur unseres Landes, wo man als Ingenieurin oder Ingenieur arbeitet, kennt.
Dass wir es nicht schaffen, gerade bei den Ingenieurberufen genügend Leute auszubilden - und das im Gegensatz zu unseren Nachbarländern, wo genügend Ingenieure ausgebildet werden können -, ist, möchte ich fast sagen, umso perverser, als gerade die Schweiz die weltweit renommiertesten Ausbildungsstätten für diese Berufe hat, namentlich mit unseren beiden Technischen Hochschulen, aber auch mit [PAGE 156] einem wesentlichen Teil der Fachhochschulen. Hier sollte es die Politik, aber auch die Wirtschaft selber schaffen, entsprechende Jobmodelle zu schaffen, eine Sichtbarkeit herzustellen für diese Berufe, damit es für unsere Kinder und die Jugendlichen wieder attraktiv wird, diese Berufe zu ergreifen.
Wir haben heute 50 000 Schweizerinnen, die einen Hochschulabschluss haben, die aber nicht berufstätig sind. Natürlich sind es ehrenwerte Gründe, warum viele dieser jungen Frauen das nicht tun, aber hier wäre auch, neben den älteren Mitarbeitenden, ein Reservoir vorhanden, das uns jetzt die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative, die uns derart Mühe macht, erleichtern würde, wenn wir entsprechende Anstrengungen unternähmen.
Ich danke dem Bundesrat für die Antwort auf die Interpellation. Ich finde sie etwas generell, was die Ingenieure betrifft. Ich habe aber Folgendes mit Befriedigung zur Kenntnis genommen: Der Bundesrat kündigt an, dass er in Zusammenarbeit mit den Kantonen und den Schulträgern eine bedarfsgerechte Grundfinanzierung bei den Ausbildungen anstrebe. Ich nehme an, er will so sicherstellen, dass künftig gerade in den Bereichen, in denen eben qualifizierte Berufstätige fehlen, zusätzliche Ausbildungsanstrengungen unternommen werden.