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Tschäppät Alexander · Nationalrat · 2016-04-26

Tschäppät Alexander · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2016-04-26

Wortprotokoll

An der Schuld derer, die bis in die Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts in diesem Land, dem Land der humanitären Tradition, Zehntausende Mädchen und Knaben entmündigt, geschlagen, misshandelt, gedemütigt, gequält, geknechtet und vergewaltigt haben, ändern wir heute nichts mehr. An der Entrechtung von Eltern, an der Verdingung von Menschen, an der Gnadenlosigkeit beim Entzug von Freiheit, beim Entzug von Selbstwert und beim Entzug von Frieden, an der Verhöhnung von Würde, am Verrat unseres christlichen Fundamentes, an der geradezu vorsätzlichen Sünde, an der Abkehr von allem, was selbst Gottlosen heilig war, an all dem ändern wir heute nichts mehr. An den Tränen und dem unermesslichen Leid verzweifelter Väter und Mütter, an der Zwangssterilisation junger Männer, an den stummen Schreien geschundener Kinder, an der körperlichen und seelischen Verkrüppelung administrativ versorgter Knaben und Mädchen, an jahrzehntelanger unglaublicher Trostlosigkeit, an all dem ändern wir heute nichts mehr.

Am tiefen Elend ganzer Generationen hat dieser Rat keine Schuld. Die Schuld tragen andere. Wir müssen aber diese Schuld anerkennen. Wir müssen bedingungslos anerkennen, dass Zehntausenden junger Menschen Unvorstellbares widerfuhr. Wir müssen anerkennen, dass Familien, Freundschaften und Gemeinschaften vorsätzlich zerstört wurden. Wir müssen anerkennen, dass unbeschreibliches Unrecht geschah. Entschuldigen können wir nichts. Was wir hingegen tun können, ist, demütig und im Wissen um das Geschehene an unserer Väter statt um Entschuldigung zu bitten. Gewährt werden kann uns diese Bitte einzig von den Überlebenden. Unsere Bitte und deren Annahme sind mehr als ein längst fälliges Signal: Sie bedeuten Genugtuung - endlich Genugtuung, endlich Trost, endlich Begegnung auf Augenhöhe, endlich ein Handschlag! Das sind wir nicht nur den einst Verdingten schuldig, das schulden wir auch den Vätern unserer Väter. Wir bitten heute auch für sie.

Wiedergutmachen lässt sich Unrecht nicht, das wissen auch die noch lebenden Verdingkinder von damals. Alle Wunden vermag auch die Zeit nicht zu heilen. Wir reden heute von und mit Verwundeten. Wir alle haben es heute in der Hand, den Wunden von damals keine neuen hinzuzufügen. Wir haben es in der Hand, an diesen nicht noch einmal schuldig zu werden.

Wir müssen für das, was in diesen dunklen Tagen helvetischer Geschichte geschah, keine Verantwortung übernehmen, und ich bin froh darum. Aber wir müssen die Verantwortung für das übernehmen, was wir hier und heute tun. Wir haben es in der Hand, Ernsthaftigkeit, Einsicht und Respekt zu beweisen. Tun wir es, tun wir es überzeugt und überzeugend. Wir schulden das nicht nur den Betroffenen, wir schulden das der Geschichte dieses Landes.