Masshardt Nadine · Nationalrat · 2017-06-01
Masshardt Nadine · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2017-06-01
Wortprotokoll
Die vorliegende parlamentarische Initiative wurde von Mitgliedern aus fast allen Fraktionen unterschrieben. In der Kommission machte dann auch nur gerade eine Stimme den Unterschied aus. Was genau will die Initiative?
Analog zur Regelung für das Bundespersonal sollen neu alle Arbeitnehmenden nach der Geburt eines Kindes ihr Pensum um maximal 20 Prozent reduzieren dürfen. Dabei darf das Arbeitspensum nicht unter 60 Prozent fallen. Der Anspruch muss innert zwölf Monaten geltend gemacht werden und ist unbefristet. Zudem gibt es keinen Anspruch, das Pensum wieder zu erhöhen. Es gibt auch keinen absoluten Kündigungsschutz. Kleinere Unternehmen würden davon ausgenommen.
Die Erfahrungen in der Bundesverwaltung sind deutlich positiv. 2014 haben 69 Männer und 70 Frauen vom Rechtsanspruch auf Pensenreduktion Gebrauch gemacht. Ab Lohnklasse 24 waren es gar 41 Männer und 34 Frauen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass erst 14 Prozent aller Väter, dafür 73 Prozent aller Mütter nicht oder in Teilzeit arbeitstätig sind. Der Reduktionsanspruch zementiert also die bisherige Rollenaufteilung nicht, sondern hilft, sie auszugleichen.
Warum ist das Thema aktuell? In Zeiten des Fachkräftemangels, verbunden mit dem Ziel der besseren Integration des inländischen Potenzials, sprich vorab der Frauen, ist es eine schlanke, eine günstige und vor allem eine erfolgversprechende Massnahme. Klar, eine solche Regelung wäre ein Eingriff in den Arbeitsmarkt. Angesichts der Fachkräfte-Initiative rechtfertigt sich dieser Eingriff jedoch. Dass Freiwilligkeit nicht ausreicht, zeigen sämtliche Umfragen. Ich komme darauf zurück.
Denn eines ist klar: Der bessere Einbezug der Frauen in die Arbeitswelt gelingt nur, wenn sich Väter stärker in der Kinderbetreuung engagieren. Damit dies Realität wird, muss Teilzeitarbeit von Vätern akzeptiert sein; das macht volkswirtschaftlich Sinn. Inzwischen sind über die Hälfte aller Hochschulabgänger Frauen. Doch gemäss einer aktuellen Studie bleiben in der Schweiz nach der Familiengründung 50 000 Akademikerinnen zu Hause. Eine repräsentative Umfrage ergab, dass neun von zehn Männern gerne Teilzeit arbeiten würden. In der Realität arbeiteten 2015 aber nicht einmal zwei von zehn Männern Teilzeit. Es herrscht also ein riesiges Missverhältnis. Demgegenüber gibt es Umfragen, die zeigen, dass Väter mit Teilzeitjobs in vielerlei Hinsicht glücklicher sind. 82 Prozent aller Väter mit Teilzeitarbeit sind mit der Balance zwischen Kind und Job zufrieden. Bei Vätern mit Vollzeitstellen sind es bloss 55 Prozent.
Weshalb arbeiten denn nicht mehr Männer in Teilzeit? Einerseits, weil es zwischen dem Wunsch und der Realität eine grosse Diskrepanz gibt. Oft lehnen Vorgesetzte den Wunsch ab. Andererseits trauen sich viele Väter gar nicht zu fragen: erstens, weil sie in der Firma keine Vorbilder kennen und dies nicht zur Unternehmenskultur gehört, zweitens, weil sie massive finanzielle Einbussen befürchten, und drittens, weil sie denken, dass dies mit einer Karriere nicht zu vereinbaren sei. Die vorliegende Initiative wäre hierzu zielführend. Nach der Schaffung eines Anspruchs kann eben kein Vater mehr einen Vollzeitjob damit begründen, der Arbeitgeber lasse keine Reduktion zu. Sobald es Arbeitskollegen gibt, die reduzieren, steigt die Chance, dass sich die Kultur ändert und Teilzeitstellen für Väter akzeptiert werden. Dass verschiedene andere Formen von Abwesenheiten gang und gäbe sind, zeigen politische und soziale Engagements von Arbeitnehmenden, Verwaltungsratsmandate in anderen Firmen, Engagements im Militär oder als Fachlehrkraft in einer Fachhochschule. Warum sollte dies also für die Familienarbeit nicht möglich sein?
Fazit: Wollen wir die Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf wirksam verbessern und etwas gegen den Fachkräftemangel unternehmen, ist die vorliegende Initiative eine sinnvolle und erfolgversprechende Massnahme, und es gewinnen alle: die Familien, die Arbeitnehmenden, die Volkswirtschaft, aber auch die Gesellschaft insgesamt.
Ich bitte Sie deshalb, der parlamentarischen Initiative Folge zu geben.