Bertschy Kathrin · Nationalrat · 2017-06-06
Bertschy Kathrin · Nationalrat · Bern · Grünliberale Fraktion · 2017-06-06
Wortprotokoll
Wenn private Unternehmen ein Produkt bewerben, tun sie dies in der Regel, um den Verkauf zu fördern, um den Konsum zu erhöhen. Würden sie sich [PAGE 915] keine Verkaufssteigerung versprechen, könnten sie auf ein Marketing nämlich auch verzichten.
Bei diesem Geschäft geht es um eine Werbeserie, die der Bund bezahlt, die die Steuerzahlenden bezahlen, eine Werbeserie im Umfang von 6 Millionen Franken pro Jahr, die wir einstellen sollten, weil es überhaupt keine Staatsaufgabe ist, eine solche Werbeserie zu finanzieren, und weil eine Verkaufssteigerung des beworbenen Produktes übergeordneten Zielen widerspricht. Sie widerspricht übergeordneten Zielen wie unserem Gesellschaftsvertrag, der Bundesverfassung, aber auch strategischen Zielen des Bundesrates, namentlich der Strategie einer nachhaltigen Entwicklung, der Klimapolitik, dem Schutz der Menschen vor der Zerstörung der Erdatmosphäre. Im Namen der Minderheit möchte ich Sie bitten, diese Werbeserie, die nicht im Interesse der Schweiz ist, einzustellen und der parlamentarischen Initiative Folge zu geben.
"Schweizer Fleisch. Alles andere ist Beilage" - wir haben es gehört, 6 Millionen Franken kostet die Fleischwerbung, die die Steuerzahler jedes Jahr bezahlen. Selbstverständlich bezweckt eine Absatzförderung die Steigerung des Fleischkonsums. Es geht hier nicht darum, Ihnen ein gutes Stück Fleisch zu verwehren. Die Steigerung des Fleischkonsums steht aber im Widerspruch zur Klimapolitik, und das muss der Bund nicht auch noch bewerben. Der Bund macht ja auch keine Werbung für Flugreisen. Flugreisen haben ökologisch genau die gleichen Auswirkungen wie die Fleischproduktion und der Fleischkonsum. Fleischkonsum, Fleischproduktion brauchen enorme Mengen an Ressourcen: Futtermittel, Landverbrauch, Wasser. Für Fleisch wird ein Vielfaches an Ressourcen gebraucht wie für den Anbau von Pflanzen. Ein Kilo Rind benötigt 15 000 Liter Wasser - 15 000 Liter! Es ist eine sehr ineffiziente Art und Weise, Nahrungsmittel zu produzieren. Für die Produktion einer Fleischkalorie werden 30 Getreidekalorien benötigt, und die zunehmende Nachfrage nach Fleisch erzeugt Druck auf die Nahrungsmittelherstellung, sie schädigt Ökosysteme und treibt den Klimawandel voran.
Der globale Viehbestand beträgt heute mehr als 150 Milliarden Stück Vieh, verglichen mit 7,2 Milliarden Menschen. Das bedeutet, dass das Vieh einen viel grösseren direkten ökologischen Fussabdruck hat als wir Menschen. Die Viehproduktion verursacht mittlerweile etwa 14 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Es gibt kein ökologisches Fleisch. In Bezug auf die Ökobilanz ist Fleisch entweder sehr schlecht oder etwas weniger schlecht. Wenn das Vieh das Gras auf der Weide frisst und keine Futtermittel importiert werden, ist es etwas weniger schlecht, aber es ist immer noch schlecht. Auch die Produktion in der Schweiz basiert auf riesigen Mengen an Futtermittelimporten. Auch Schweizer Fleisch ist also ein höchst klimaschädigendes Produkt. Der Fleischverbrauch verursacht tatsächlich jährlich mehr Treibhausgasemissionen als die Nutzung von Autos.
Das heisst jetzt nicht, dass wir alle Vegetarier werden müssen. Es heisst aber, dass wir unsere Essgewohnheiten verändern müssen, wenn wir die Gesundheit der Menschen und unsere Lebenswelt erhalten wollen. Diese Veränderungen schmerzen. Es bedeutet aber, dass wir unsere Politikmassnahmen überprüfen. Es schmerzt am wenigsten, ist am einfachsten und am günstigsten, wenn wir schlicht auf jene Massnahmen verzichten, die im Widerspruch zu unserer übergeordneten Strategie stehen. Und diese 6 Millionen Franken sind so ein Punkt.
Ich habe Ihnen dargelegt, weshalb diese Werbeserie keine gute Idee ist - eine sehr schlechte sogar - und weshalb ihre Finanzierung auch keine Staatsaufgabe ist. Ich bitte Sie im Namen der Minderheit, der parlamentarischen Initiative Jans Folge zu geben.