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Teuscher Franziska · Nationalrat · 2002-04-17

Teuscher Franziska · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2002-04-17

Wortprotokoll

Ich möchte zuerst Herrn Bortoluzzi etwas sagen: Herr Bortoluzzi, es geht bei dieser Vorlage nicht um den Rechtsanspruch verantwortungsmüder Eltern, wie Sie das gesagt haben, sondern es geht bei dieser Vorlage darum, dass wir die Bedürfnisse in einer veränderten Gesellschaft wahrnehmen, Bedürfnisse von Eltern, von Kindern, aber auch von der Wirtschaft. Ich denke, auch die SVP müsste zur Kenntnis nehmen, dass wir nicht mehr oder noch nie in einer heilen Welt gelebt haben.

Der Grundsatz ist in Artikel 1 Absatz 1 des vorliegenden Gesetzes ziemlich einseitig formuliert: "Der Bund richtet im Rahmen der bewilligten Kredite Finanzhilfen zur Schaffung von familienergänzenden Betreuungsplätzen für Kinder aus, damit die Eltern Familie und Arbeit oder Ausbildung besser vereinbaren können." Dies ist aus der Sicht der betroffenen Eltern so richtig. Aber wie sieht die Sicht der eigentlich Hauptbeteiligten aus, diejenige der Kinder?

Wir haben bereits ausführlich gehört, welche Bedeutung die familienbegleitende Kinderbetreuung für die Gleichstellung von Mann und Frau und für die Wirtschaft hat. Ich möchte in meinen Ausführungen die Kinder ins Zentrum stellen. Ist familienbegleitende Kinderbetreuung einfach eine praktische Einrichtung für Eltern, welche dort ihre Kinder während der Arbeit versorgen, so, wie uns das Herr Bortoluzzi eben vorhin ausgeführt hat, oder profitieren nicht auch die Kinder - oder gerade die Kinder - von Kindertagesstätten oder Tagesschulen? Eigentlich müssten hier die Direktbetroffenen zu Wort kommen, die Kinder: die Hälfte der Redezeit den Kindern, die Hälfte der Redezeit uns Erwachsenen. Meinen Kindern hätte diese Idee noch gefallen, hier im Bundeshaus auszuführen, was sie zu Kindertagesstätten und Tagesschulen meinen. Meine Kinder hier einzubeziehen hätte aber wohl die parlamentarischen Gepflogenheiten und Sitten verletzt.

So fasse ich Ihnen zusammen, was meine Kinder gestern Abend zu diesem Thema meinten: "In der Tagesschule 'fägts', weil es viele Kinder hat." Oder: "In der Kindertagesstätte gefällt es mir, weil es dort so viele Spielsachen gibt."

Aber ich will hier nichts beschönigen, Sätze wie "Ig wott hüt nid i d' Chrippe" oder "Ich esse nicht mehr in der Tagesschule, weil es dort immer Salat gibt" sind auch mir bekannt, genauso aber auch Sätze wie am Abend beim Abholen der Vorwurf: "Warum kommst du denn immer so früh? Ich bin gerade so schön am Spielen!"

Ich kenne kein einziges Kind, das unglücklich ist, wenn es den Tag in einer Kindertagesstätte, in der Tagesschule oder bei Tageseltern verbringt, denn es "fägt" doch einfach, dass grosse und kleine Kinder zum Spielen, zum Plaudern, zum Miteinandersein da sind und dass professionelle Betreuungsleute die Kinder betreuen und sie in ihrer Entwicklung fördern.

Nun mögen 100 Millionen Franken pro Jahr, wie sie im vorliegenden Beschluss vorgesehen sind, etwas viel sein, damit Kinder Spass haben. Spass ist das eine; aber vor allem auch der pädagogische Wert der familienbegleitenden Kinderbetreuung ist sehr hoch. Ich erwähne nur zwei Punkte.

Rund ein Viertel aller Kinder wachsen heute als Einzelkinder auf. Soziale Kontakte und Gemeinschaft mit anderen Kindern sind aber für das Wohl und die Entwicklung der Kinder sehr wichtig, damit diese nicht zu asozialen und egozentrischen Einzelgängern werden.

Kinder brauchen qualitativ gute Betreuung. Es ist ein grosser Unterschied für das Wohl und die Entwicklung der Kinder, ob sie einfach gehütet oder richtig betreut und gefördert werden. Der Alltag sieht in diesem Punkt aber düster aus. Knapp die Hälfte der Schulkinder, deren Eltern erwerbstätig sind, sind in der schulfreien Zeit ganz sich selber überlassen oder mit dem Fernseher und dem Computer allein. Von guter Betreuung keine Spur!

Eigentlich sind all diese positiven Auswirkungen für sich allein schon genügend Argument, um die 100 Millionen Franken pro Jahr zu rechtfertigen, welche vom Bund gefordert werden. Aber wenn wir Plätze in Kindertagesstätten, in Tagesschulen und bei Tageseltern fördern, haben wir tatsächlich "ds' Füfi u ds' Weggli". Jeder Franken, den wir in familienbegleitende Betreuung investieren, zahlt sich volkswirtschaftlich drei- bis viermal aus. Es ist deshalb unverständlich, wenn der Bundesrat nun beantragt, nur 25 [PAGE 599] Millionen Franken pro Jahr zu investieren, denn Geld, welches in die familienbegleitende Kinderbetreuung investiert wird, hat wohl die höchste Rendite: zufriedene Eltern, weil sie Arbeit und Familie mit gutem Gewissen vereinbaren können und ein höheres Familieneinkommen erzielen; zufriedene Frauen, weil sie sich nicht entweder für Kinder oder für den Job entscheiden müssen; zufriedene Kinder, weil sie andere Kinder und Erwachsene ausserhalb des engsten Familienkreises treffen können; zufriedene Arbeitgeber, weil sich die Eltern auf die Arbeit konzentrieren können, ohne sich dauernd Sorgen um die Kinder machen zu müssen; schliesslich ein zufriedenes Staatswesen, denn einerseits können die Kosten für Sozialausgaben und Integrationsmassnahmen reduziert werden, und andererseits werden die Einnahmen der Steuerbehörden und der Sozialwerke durch die vermehrte Erwerbsarbeit erhöht.

Familienbegleitende Kinderbetreuungseinrichtungen müssen heute so selbstverständlich zum Infrastrukturangebot gehören wie Schulen, Spitäler und Strassen. Wir Grünen sind überzeugt, dass diese 100 Millionen Franken für Kantone, Gemeinden und Dritte genügend Anreiz schaffen, ihr Infrastrukturangebot durch moderne Kinderbetreuungseinrichtungen optimal zu ergänzen.

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