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Günter Paul · Nationalrat · 2002-04-17

Günter Paul · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2002-04-17

Wortprotokoll

Auch wenn Frau Sommaruga auf eine Wortmeldung verzichtet, schlage ich Ihnen vor, dass wir die Diskussion trotzdem führen, denn ich hätte hier gerne eine wichtige Bemerkung angebracht. Ich bin froh, dass Frau Sommaruga diese Fragen gestellt hat, denn der Datenschutz ist in der Medizin etwas ganz Wichtiges.

Aber ich möchte im Zusammenhang mit der ICD-10-Codierung einer weiteren Besorgnis Ausdruck geben, welche die Problematik noch verschärft: Zurzeit wird ja versucht, mit der Sammlung von Daten, der ICD-10-Codierung über Diagnosen und Behandlungen, vertiefte Einblicke darin zu gewinnen, was in der Medizin eigentlich geschieht. Alle Spitäler codieren nun mit einem riesigen Aufwand die Diagnosen ihrer Patienten. Die Versicherer erhoffen sich vertiefte Einblicke in die Tätigkeit der Spitäler; die Kantonsregierungen erhoffen sich von diesen Zahlen Aufschlüsse über die Effizienz und Tätigkeit ihrer Institutionen. Wer viele Diagnosen und Behandlungen melden kann, hat einen guten Leistungsausweis und berechtigte Aussichten auf vermehrte finanzielle Zuwendungen. Das hat dazu geführt, dass die Spitäler nun eigens Leute anstellen, welche das Codierungspotenzial der Patienten möglichst voll ausschöpfen. Es lässt sich voraussagen, dass die Schweiz in den nächsten Jahren via ICD-Codierung eine erhebliche Steigerung der Anzahl Diagnosen und Behandlungen aufweisen wird. Persönlich befürchte ich, dass hier mit hohen Kosten einer der ganz grossen Datenfriedhöfe angelegt wird. Die Daten sagen über die wirklich geleistete Arbeit und vor allem über die Qualität dieser Arbeit herzlich wenig aus.

Ich möchte meine Befürchtung mit einem Bild illustrieren. Stellen Sie sich vor, die Kunstmuseen würden einer Qualitätskontrolle durch ihre Sponsoren und Versicherer unterzogen. Das ginge dann etwa so vor sich, dass jedes Museum die wichtigsten Daten seiner Bilder in den Computer eingäbe: wer ein Bild gemalt hat, wie gross und schwer der Bilderrahmen ist, wo die Bilder aufgehängt sind, welche Farben verwendet worden sind usw. Dann würde man diese Daten in Aarau zentral poolen, und aufgrund dieser Daten würde dann eine Kommission von Experten der Versicherer und Sponsoren entscheiden, was ein gutes Kunstmuseum ist und was nicht. Alle Kunstverständigen würden darauf bestehen, dass sich sachverständige Leute die Bilder vor Ort ansehen müssen, um zu beurteilen, ob eine Ausstellung sehenswert ist und ob die Bilder neuer Maler brauchbar sind.

Vor einem ähnlichen Problem stehen wir in der Medizin. Die Daten, die wir heute über das ICD-10 abliefern, sind zwar heikle Patientendaten, können aber keinen schlüssigen Hinweis auf die Qualität der Arbeit geben. Diese Sammlung ist ein Leerlauf und produziert vor allem Papier. Schlüssig wäre einzig, sachverständige Experten die Arbeit vor Ort beurteilen zu lassen - wenn man wirklich die Qualität beurteilen wollte. Ich bin froh, dass ich diese Bemerkung im Zusammenhang mit dem ICD-10, das sehr, sehr viel kostet und viele Kräfte bindet, hier in diesem Rahmen anbringen und dass ich meine Besorgnis zum Ausdruck bringen konnte.