Galladé Chantal · Nationalrat · 2017-09-21
Galladé Chantal · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2017-09-21
Wortprotokoll
Die Armeewaffe hat im Besenschrank nichts verloren. Die Armeewaffe hat in Privathaushalten nichts verloren. Wir wissen, dass die Lagerung der Armeewaffe in Privathaushalten jedes Jahr immer noch ganz viele Menschenleben kostet und viel Leid anrichtet. Ich könnte Ihnen aus den Hunderten von Zuschriften, die mir Betroffene zugesandt haben und die ich über die Jahre gesammelt habe, einiges erzählen - man müsste das einmal anonymisiert in einem Buch zusammenfassen.
Die Toten sind nur die Spitze des Eisberges. Wer behauptet, dass es keinen Zusammenhang gebe zwischen der Lagerungsart der Armeewaffe zu Hause und der Anzahl Toter, schaut die Fakten nicht an. Man kann die Fakten aber nicht einfach ausblenden! Wenn Sie die Statistik der Schusswaffentoten in der Schweiz anschauen, sehen Sie, dass wir in den letzten nicht ganz zwanzig Jahren die Anzahl Schusswaffentoter mit all den Massnahmen, die wir ergriffen haben, von 400 auf jährlich etwa 200 reduzieren konnten. Es gibt eine eindeutige Parallele, eine eindeutige Korrelation zwischen der Anzahl der Schusswaffentoten und den restriktiven Massnahmen, die in Bezug auf Schusswaffen ergriffen werden.
Aber auch 200 Schusswaffentote sind zu viel. Im Wissen, dass wir nie auf null kommen werden, ist es doch möglich, [PAGE 1516] die Anzahl Toter zu reduzieren. Nehmen wir das Beispiel des Familienvaters, der mir schreibt, sein neunzehnjähriger Sohn habe Liebeskummer gehabt, sei raufgegangen, habe die Armeewaffe genommen und sich damit umgebracht: Ja, hätte er nicht so schnell ein so tödliches Instrument zur Verfügung gehabt, wäre er vermutlich noch am Leben. Gerade wenn solche Affekthandlungen drohen, ist es entscheidend, ob Sie schnell ein tödliches Instrument zur Verfügung haben oder nicht. Ich weiss nicht, wer von Ihnen schon in Frauenhäusern war. In Frauenhäusern hat es sehr viele Frauen, die mit Schusswaffen bedroht wurden. Auch das ist nur die Spitze des Eisberges. Viele reden nicht darüber, viele flüchten nicht in ein Frauenhaus.
Die Verfügbarkeit von Schusswaffen spielt eine Rolle, und wir wissen, dass es keine sicherheitspolitische Legitimation dafür gibt, die Schusswaffe noch zu Hause zu lagern, im Gegenteil: In letzter Zeit häufen sich ja die Meldungen bei der Polizei, weil Menschen in Zeiten des Terrorismus beunruhigt sind, wenn sie jemanden mit einer Schusswaffe von A nach B gehen sehen. Das beunruhigt die Menschen. Es gehen immer wieder Meldungen bei der Polizei ein. Es gibt dann irgendwelche Aktionen, wo man irgendwo einen Mann mit einer Schusswaffe sucht, und dann stellt man fest, dass der nur in den Militärdienst einrücken oder ans obligatorische Schiessen gehen will.
Der Bundesrat führt für die Mobilmachung mehr oder weniger ein Szenario des letzten Jahrhunderts, des Kalten Krieges, als Argument an. Sie wissen ja selber, dass das ein Witz ist. Ich glaube, das glauben Sie selber nicht. Heute ist es ja auch nicht mehr so, dass der Bauer auf dem Feld arbeitet und dann rasch, wenn wir mobilmachen, zur Schusswaffe greifen und sich an den Besammlungsplatz durchschiessen muss. Jeder weiss, dass das kein sicherheitspolitisch realitätsnahes Szenario mehr ist. Heute, wo Sie irgendwo anders arbeiten als zu Hause, also nicht dort, wo Ihre Waffe gelagert ist, müssten Sie ja zuerst nach Hause gehen, dort die Waffe holen und dann erst zum Besammlungsplatz gehen. Das findet so nicht statt; das wissen wir auch, das wissen alle.
Ich bitte Sie, die Ideologie abzulegen und zu einer zeitgemässen Sicherheit zu stehen. 200 Schusswaffentote sind zu viele. Wir dürfen nicht Menschenleben der Ideologie opfern.