Graf Maya · Nationalrat · 2017-12-11
Graf Maya · Nationalrat · Basel-Landschaft · Grüne Fraktion · 2017-12-11
Wortprotokoll
Ich möchte als Erstes meine Interessen offenlegen. Ich bin Co-Präsidentin von Alliance F, dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen. Es geht heute also auch um den Fortbestand und die Sicherstellung der wechselvollen und erfolgreichen 118-jährigen Geschichte dieses grössten Frauendachverbandes der Schweiz.
Dazu möchte ich Ihnen gerne folgendes Dokument zitieren: "Hochgeehrter Herr Präsident! Geehrte Herren! Der Bund Schweizerischer Frauenvereine hat in seiner Generalversammlung vom 11./12. Oktober in Basel durch einstimmigen Beschluss seinen Vorstand beauftragt, den schweizerischen Volksvertretern das Bedauern auszusprechen, dass es den Schweizer Frauen nicht vergönnt sei, an der Abstimmung teilzunehmen, die über den Eintritt der Schweiz in den Völkerbund entscheiden soll. Diese wichtige Frage wird die Seele aller Schweizer Frauen mächtig bewegen, darum stehen sie ihr nicht gleichgültig gegenüber.
In den meisten der uns umgebenden Länder sind die Frauen gleich den Männern berufen, zu dieser überaus wichtigen Frage, von der die Zukunft des Vaterlandes abhängt, Stellung zu nehmen. Der Entwurf des Völkerbundsvertrages sieht bei allen Volksabstimmungen, die das Wohl eines Staates bestimmen, die Beteiligung der Frauen neben den Männern vor. Wir benutzen daher diese Gelegenheit, um Ihnen, den Vertretern des Schweizervolkes, erneut unsere Wünsche auszusprechen, die wir schon in unserem Brief vom Monat März im Anschluss an die Motionen Scherrer-Füllemann, Greulich und Göttisheim niedergelegt haben. Sie werden in nächster Zeit in die Behandlung dieser Motionen eintreten, und da empfehlen wir Ihnen die Berücksichtigung unserer gerechten Wünsche. Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr Präsident, geehrte Herren, die Versicherung unserer vollkommenen Hochachtung. Für den Bund Schweizerischer Frauenvereine, die Präsidentin, Chaponnière-Chaix."
Diese Eingabe zum Beitritt zum Völkerbund, den späteren Vereinten Nationen, hat der Bund Schweizerischer Frauenvereine am 15. November 1919 an die Bundesversammlung gerichtet - 52 Jahre vor der Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts 1971. Dieses Dokument aus dem Gosteli-Archiv zeigt auf eindrückliche Art und Weise die politische und gesellschaftliche Einflussnahme der Frauenbewegung schon damals, vor fast hundert und noch mehr Jahren. Es zeigt nicht nur ihre Weitsicht und Klugheit auf, sondern auch ihre professionelle Vorgehensweise, ihre kompetente Arbeit und ihre aktive politische Einflussnahme im 19. und im 20. Jahrhundert.
Doch Sie wissen es auch: Schweizer Frauen besassen bis 1971 keine politischen Rechte. Daher kommt die Frauenbewegung mit diesen Eingaben und diesen politischen Tätigkeiten, die auch - so kann man es nennen - zu den grössten und friedlichsten sozialen Bewegungen im letzten Jahrhundert zählt, in öffentlichen Archiven nicht vor. Das Engagement dieser Frauen fand ausserhalb der Archive, der offiziellen Politik, der staatlichen Institutionen und der Verwaltungstätigkeiten statt. Daher ist dieses Engagement auch nicht im Bundesarchiv, wie es Ihre Geschichte ist - die der Männer und ihrer Institutionen in den letzten Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden. [PAGE 2050]
Das war die Motivation der Marthe Gosteli, als sie im Jahr 1982 ihre Stiftung gründete. Frau Gosteli war sich bewusst, dass die grossen Frauendachverbände und Frauenorganisationen seit ihrer Gründung schon im 19. Jahrhundert bzw. zu Anfang des 20. Jahrhunderts Archive und damit viele Dokumente hatten, dass diese aber nicht gesichert und nicht geordnet waren. Ein wichtiger Teil der Schweizer Geschichte wäre für immer verlorengegangen, hätte Marthe Gosteli nicht ihre Lebensaufgabe darin gesehen, diese Dokumente zu retten, zu archivieren und der wissenschaftlichen Forschung und den zukünftigen Generationen zur Verfügung zu stellen.
Das ist der Grund, warum wir, fünf Parlamentarierinnen aus fast allen Fraktionen, Sie hier bitten, dieses Postulat anzunehmen. Das Postulat will nicht mehr und nicht weniger, als den Fortbestand des Gosteli-Archivs mit anderen Akteuren zu klären und die besten Lösungen zu finden, damit es für die Zukunft gesichert ist.[GZ]
Ich bitte Sie, die fünf Postulate anzunehmen.