Kälin Irène · Nationalrat · 2018-05-28
Kälin Irène · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2018-05-28
Wortprotokoll
Es geht mir weder um die Abschaffung der ersten Klasse, obwohl ich dafür durchaus Sympathien hätte, noch geht es mir darum, Ihnen das Fahren in der ersten Klasse zu verbieten. Nein, es geht mir einzig darum, dass wir Parlamentarierinnen und Parlamentarier mit einem GA zweiter Klasse als Reisepauschale zufrieden sein sollten.
Der Grund dafür ist ein einfacher. Während das GA erster Klasse ein klarer Luxus ist, erfüllt ein GA zweiter Klasse denselben Zweck und ist erst noch kostengünstiger. Als Parlamentarier, die immer wieder auch von unserer Bevölkerung verlangen, einen Sparbeitrag zum Wohle aller zu leisten, können wir gerne auch mal mit gutem Beispiel vorangehen. Wir sind die Vertreterinnen und Vertreter unserer Bevölkerung und sollten uns nicht auf deren Kosten Privilegien leisten - wir können den entsprechenden Betrag auch selber bezahlen -, die sich viele Leute selber vielleicht aber nicht leisten können. Wer behauptet, ein GA erster Klasse sei kein Luxus, der hat wahrlich keine Ahnung, wie Arbeitnehmende landauf, landab leben und reisen.
Das Büro unseres Rates gibt in seiner ablehnenden Begründung folgende Stellungnahme ab: "Dass den Ratsmitgliedern ein GA erster Klasse vergütet wird, ist weder ein Luxus noch ein Privileg. Der Grund dafür ist vielmehr, dass viele Ratsmitglieder die Reisezeit dazu nutzen, im Zug zu arbeiten, was in der zweiten Klasse wegen der dichteren Belegung und dem höheren Lärmpegel schwieriger ist." Auf die Gefahr hin, mich des Populismus rügen lassen zu müssen, muss ich schon sehr bitten. Was glauben Sie denn, was Pendlerinnen und Pendler in der zweiten Klasse morgens und abends tun? Die Enge geniessen und dem Nichtstun frönen? Die meisten Pendlerinnen und Pendler, die arbeitshalber pendeln, nutzen ihre Reisezeit genauso wie wir dazu, im Zug zu arbeiten. Wie ich aus Erfahrung weiss, tun sie das, all den damit verbundenen Widrigkeiten zum Trotz, auch in der zweiten Klasse. Studentinnen lernen für Prüfungen, schreiben Vorträge und lesen Fachliteratur, Buchhalter füllen Excel-Tabellen aus, Professorinnen bereiten Prüfungen vor, Lehrer korrigieren Prüfungen, Fachkräfte und Unternehmerinnen bereiten Sitzungen vor und nach, telefonieren mit ihren Kundinnen und Lieferanten, ja, selbst Arztsekretärinnen teilen den Patienten mit, dass der Befund positiv oder negativ ist. Das alles ist möglich, trotz dichterer Belegung und dem höheren Lärmpegel. Konzentration ist nicht alleine eine Frage des Komforts.
Warum aber alle Parlamentarier und Parlamentarierinnen verärgern, nur weil Irène Kälin ein GA zweiter Klasse will? Ich kann ja, wie richtig festgehalten wurde, die Pauschale beziehen, ein GA zweiter Klasse kaufen, zweite Klasse fahren und habe erst noch Geld übrig, weil ein GA zweiter Klasse selbst ohne Bundesvergünstigungen weniger kostet als die Pauschale für ein GA erster Klasse.
Ich zitiere nochmals unser geschätztes Büro: "Es wäre aus Sicht des Büros aber nicht angebracht, alle Ratsmitglieder mit einem GA zweiter Klasse auszustatten, nur weil einzelne Ratsmitglieder kürzere oder weniger frequentierte bzw. ruhigere Bahnreisestrecken haben oder den Zug nicht als Arbeitsort nutzen." Ich fände das auch nicht angebracht, nur wegen mir. Ich denke aber, es wäre sehr wohl angebracht gegenüber all jenen Arbeitnehmenden, einer Mehrheit der Pendlerinnen und Pendler, die tagtäglich in den mehr oder weniger überfüllten Abteilen zweiter Klasse ihren Tag vor- und nachbereiten. Dagegen sind selbst jene unter uns, die in drei Kommissionen vertreten sind, vergleichsweise wenig unterwegs.
Ich weiss, es gibt ganz viele Parlamentarier unter uns, die einen langen, sogar einen sehr langen Weg nach Bundesbern haben. Aber mit Verlaub: Wer für einen Reiseweg mehr als drei Stunden benötigt, der reist gezwungenermassen nicht nur in den Stosszeiten. Wer aber täglich die Strecke Lausanne-Bern, Winterthur-Basel, St. Gallen-Zürich, Aarau-Brig oder Neuenburg-Nyon pendelt, der oder die sitzt und arbeitet morgens und abends bis zu fünf Tage die Woche in Abteilen unserer Züge mit dichterer Belegung und einem höheren Lärmpegel. Ihnen gegenüber ist ein GA erster Klasse eindeutig ein Luxus. Ich sehe nicht ein, wieso diese Menschen mir das Arbeiten und Reisen in einem weniger lärmigen und weniger dicht belegten Abteil einer besseren Klasse bezahlen sollten, wenn sie es sich selber nicht leisten können.
Egal welchen Knopf Sie im Anschluss drücken werden, ich freue mich auf ein Wiedersehen im klassenlosen Speisewagen. Denn mir ist, vielleicht zur Überraschung des Büros, das uns als sehr arbeitsame Bienen beschrieben hat, im [PAGE 604] Speisewagen doch schon das eine oder andere Mitglied dieses Rates bei einem Bier, also bei Schwerstarbeit, begegnet.