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Stump Doris · Nationalrat · 2002-06-20

Stump Doris · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2002-06-20

Wortprotokoll

Auch ich lege zuerst meine Interessenbindungen offen: Ich bin Stiftungsrätin der Schweizerischen Energiestiftung, und ich lebe im Kanton Aargau. Ich habe nicht gelernt, mit den Atomkraftwerken in meiner nächsten Umgebung zu leben, dies vielleicht auch deshalb, weil ich nicht Verwaltungsrätin in irgendeinem der Werke bin. Die Jodtabletten in meinem Sanitätsschrank erinnern mich täglich daran, dass eine Bedrohung da ist.

Ich unterstütze deshalb die beiden Initiativen, die den Ausstieg aus der Atomenergieproduktion fordern, und ich lehne das vorliegende Gesetz ab, weil es die Gefahren der Atomenergie überhaupt nicht ernst nimmt und somit unsere Zukunft und die unserer Nachkommen in höchstem Grade belastet und gefährdet. Die Gefährdungen, denen wir durch die Atomenergieproduktion ausgesetzt werden, sind gewaltig, und zwar nicht nur bei Unfällen oder Sabotageakten. Auch die alltägliche Produktion von Atomstrom belastet die Beschäftigten in den Atomkraftwerken und verursacht gravierende Krankheiten, die auch für unser Gesundheitswesen eine grosse Belastung bedeuten. Die aktuellen Diskussionen zu unserem Gesundheitswesen zeigen, dass wir an die Grenzen der Finanzierbarkeit stossen. Statt aber Ursachen von Krankheiten zu bekämpfen, d. h., krankheitsauslösende Substanzen ganz zu verbannen, produzieren wir weiterhin sorglos Umweltbelastungen - in unserem Zusammenhang radioaktive Strahlungen - und betreiben weiterhin eine Symptombekämpfung, die für das Gesundheitswesen schliesslich ruinös ist.

Dass radioaktive Strahlungen unsere Gesundheit massiv gefährden, wird im Grundsatz ja nicht bestritten. Die Sicherheitsvorschriften in den Atomanlagen sind auch entsprechend restriktiv. Trotzdem können nie alle Risiken ausgeschaltet werden, und die Folgen sind gravierender, als je vermutet wurde. Denn es können auch Schäden im Genom des menschlichen Erbgutes entstehen, die für kommende Generationen zum Tragen kommen. Dies geschieht eben nicht nur bei grossen Unfällen, sondern auch bei Atomanlagen, die scheinbar reibungslos betrieben werden. Es werden da auffällige Häufungen von Krankheiten festgestellt, die nur durch radioaktive Strahlungen ausgelöst werden können. Seit 1989 häufen sich z. B. in der Umgebung des norddeutschen Atomkraftwerkes Krümmel - das liegt 35 Kilometer südöstlich von Hamburg - die Leukämiefälle bei Kindern. Der beobachtete Anstieg von Leukämie-Erkrankungen betrug zwischen 1990 und 1996 im Vergleich mit dem Durchschnitt der Erkrankungen in der BRD über 700 Prozent. Mehrere wissenschaftliche Studien kommen zum Schluss, dass nur das Atomkraftwerk für diese Häufung von Leukämie-Erkrankungen verantwortlich sein kann.

Auch in und um Sellafield - dort, wo die Brennstäbe aus den Atomkraftwerken wiederaufbereitet werden - werden bei Anwohnerinnen und Anwohnern gravierende Gesundheitsschäden beobachtet. Eine Fallkontrollstudie ergab Folgendes: Das Risiko, an Leukämie zu erkranken, nahm zu, je näher ein Kind bei der Anlage lebte, aber ebenso, je höher die Dosis war, die sein Vater vor der Zeugung abbekommen hatte. Eine neuere Untersuchung liefert weitere Hinweise, dass die Atomindustrie tatsächlich transgenerationelle Schäden verursacht. Die Bestrahlung der Keimzellen des Vaters vor der Zeugung birgt für das Kind nicht nur das erhöhte Risiko der Leukämie-Erkrankung, sondern auch das Risiko, nach der 28. Schwangerschaftswoche abzusterben und tot geboren zu werden. Eine Untersuchung über die Totgeburten um Sellafield ist ein weiteres Indiz dafür, dass insbesondere die Wiederaufbereitung, aber auch ganz generell ionisierende Strahlung ein Risiko für die Keimbahn bedeuten. Dass schon in der ersten Generation statistisch messbare und signifikante Probleme auftauchen, lässt erahnen, welche genetischen Folgen die Atomtechnologie für die kommenden Generationen noch zeitigen wird.

Im Weiteren wird aber auch die Gesundheit der Personen, die in der Urangewinnung tätig sind, stark gefährdet. So wurde bei im Uranabbau Beschäftigten in Nordamerika eine um das Siebenfache erhöhte Rate von Lungenkrebs festgestellt.

Wir gefährden also die Gesundheit vieler Menschen und auch der kommenden Generationen und verursachen gewaltige Kosten, die wir bald auch nicht mehr bezahlen können.

Deshalb unterstütze ich die beiden Initiativen zum Ausstieg aus der Kernenergie und lehne das Gesetz ab.