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Marty Kälin Barbara · Nationalrat · 2002-06-20

Marty Kälin Barbara · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2002-06-20

Wortprotokoll

Was ich hier in den Händen halte, das sind Kerne: Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne, Apfelkerne. Kerne, die Energie enthalten, wenn Sie sie am Morgen als Energiespender für den Rest des Tages zum Frühstück essen. Kerne, die Energie enthalten, wenn Sie sie pflanzen. Dann wachsen daraus Sonnenblumen oder Kürbisse oder ganze Apfelbäume. Man kann also durchaus von [PAGE 1084] Kernenergie sprechen, bei dem, was ich hier in den Händen halte.

Sie, meine verehrten Kollegen von der rechten Ratsseite, Sie meinen freilich etwas völlig anderes, wenn Sie von Kernenergie sprechen. Sie meinen weder leuchtende Sonnenblumen noch knackige Äpfel, und Sie meinen auch nicht gesundes Frühstück, sondern Sie meinen Atomenergie. Aber Sie möchten das nicht so deutlich sagen. Das Volk könnte erschrecken. Das Volk könnte die Bilder der flüchtenden ukrainischen Bevölkerung vor Augen haben, die ihre Häuser, ihre Gärten, ihre Tiere in und um Tschernobyl verlassen musste. Das Volk könnte sich daran erinnern, dass es im Sommer 1986 kein Gemüse essen durfte und keinen Salat, weil Tausende von Kilometern entfernt ein Atomkraftwerk explodiert war. Das Volk könnte sich an Namen wie Harrisburg, Sellafield oder Tschernobyl erinnern und realisieren, dass die Atomenergie ihre Unschuld verloren hat. Deshalb, und nur deshalb, bezeichnen Sie das bisherige Atomgesetz neu als Kernenergiegesetz. Aber unter einem Kern versteht man normalerweise das, was ich vorhin gezeigt habe und was ich hier in der Hand halte: einen Sonnenblumenkern, einen Kürbiskern, einen Apfelkern.

Ich bin mir absolut sicher: Wenn Sie die Leute auf der Strasse fragen, was sie sich unter einem Kern vorstellen, bekommen Sie genau diese Antwort. Mit Ihrer Sprachregelung wollen Sie dem Volk weismachen, dass Kernenergie etwas Freundliches und etwas Gesundes sei. Wir lehnen das ab.

Wir haben auch im April 1986 nicht von einem "Ereignis" gesprochen, sondern die Katastrophe beim Namen genannt. Wir plädieren für Ehrlichkeit, nicht für Sprachregelung. Wir plädieren dafür, dass man die Dinge beim Namen nennt, und bitten Sie deshalb, das Gesetz, das wir beraten, als das zu bezeichnen, was es ist und was es auch bisher war, nämlich ein Gesetz über die zivile - nicht friedliche, auch das eine Sprachregelung - Nutzung der Atomenergie. Dementsprechend bitten wir Sie auch, jedes Mal den verharmlosenden Begriff "Kern" durch den korrekten und ehrlichen Begriff "Atom" zu ersetzen.