Wyss Ursula · Nationalrat · 2002-06-20
Wyss Ursula · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2002-06-20
Wortprotokoll
Sie haben es gemerkt: Wir sind hier bei einem der Kernartikel dieses Gesetzes angelangt. Je nachdem, wie hier entschieden wird, steigen die Chancen der Initiativen, die nächstes Jahr zur Abstimmung kommen werden, natürlich dramatisch.
Es wurden zahlreiche Ungeheuerlichkeiten gesagt: Die Wiederaufarbeitung habe irgendetwas mit Recycling oder gar mit Nachhaltigkeit zu tun. Diese Fehlinformationen - es tut mir Leid - werden durch Wiederholung nicht richtiger. Versuchen wir einmal unvoreingenommen - ich weiss, es grenzt schon fast an Übermenschliches, dies hier zu fordern - nach dem Sinn oder Unsinn der Wiederaufarbeitung zu fragen. Dafür müssen wir einen Blick in die Entwicklung dieser Technologie werfen und sehen, dass die Atomfabriken in Sellafield und La Hague ursprünglich keineswegs aus Nachhaltigkeits- und Umweltgründen oder für Abfallverwertung oder Recycling gebaut wurden. Sie sollten einzig und allein zur Herstellung von Brennstoffen für die schnellen Brüter dienen. Doch daraus - das wissen Sie - wurde trotz Subventionsmilliarden schlussendlich nie etwas. Die Wiederaufarbeitungsanlagen sind also Investitionsruinen, die künstlich am Leben erhalten werden, auch von den Schweizer Stromkonsumentinnen und Stromkonsumenten.
Wiederaufarbeitung kostet nach unabhängigen Untersuchungen pro Kilo fast 4000 Franken. Die direkte Endlagerung kostet ungefähr zwischen 400 und 700 Franken. Es müssen also andere als ökonomische Gründe für diese Wiederaufarbeitung sprechen. Nun könnte man sagen: Es tut ja nichts zur Sache, wofür diese Anlagen ursprünglich gedacht waren, Hauptsache, wir können den Abfall, den Atommüll, reduzieren und recyclen. Aber es ist nicht einmal dies der Fall. Dies ist wirklich das Unglaubliche an der ganzen Sache: Es entsteht noch mehr radioaktiver Müll, als wenn wir nicht wieder aufarbeiten würden.
Der strahlende Müll verzehnfacht sich nach den Untersuchungen oder Unterlagen, die wir hatten, ungefähr. Denn alles, was mit dem Atommüll in Kontakt kommt - Wasser, Chemikalien, Geräte usw. -, wird zusätzlich radioaktiv verstrahlt. Diesen zusätzlichen Atommüll wird die Schweiz zurückimportieren müssen. Wir werden also am Schluss des Prozesses mehr Atommüll haben, als wir exportiert haben. Das geben mittlerweile auch die AKW-Betreiber zu.
Ein anderes, nicht weniger wichtiges Argument gegen die Wiederaufarbeitung ist das höchst gefährliche Plutonium, das bei der Abtrennung in der Wiederaufarbeitung leichter zugänglich gemacht und zum Missbrauch geradezu feilgeboten wird. Ein Atomreaktor von der Grösse des AKW Gösgen produziert pro Jahr zwischen 200 und 250 Kilogramm Plutonium. Herr Fischer, ich weiss, dass es für Sie schwierig ist, als Einzelkämpfer die Kommission zu vertreten. Aber ich bitte Sie dennoch, bei der Wahrheit zu bleiben. Es handelt sich hier nicht einfach um "nichtwaffenfähiges" Plutonium, Sie wissen das selber. Es sind Ausnahmen, bei denen das Plutonium nicht waffenfähig ist. Das allermeiste Plutonium, das freigegeben, praktisch feilgeboten wird, ist hochgradig waffenfähig.
Werden also die heute gültigen Wiederaufarbeitungsverträge noch erfüllt, dann kommen ungefähr 10 Tonnen Plutonium in die Schweiz zurück, von dem wir schlicht nicht wissen, was wir damit anfangen wollen. Wenn wir das auf die vierzig Jahre, die die AKW betrieben werden sollen, ausdehnen, dann wird die Plutoniummenge auf ungefähr 30 Tonnen anwachsen. Ich kenne niemanden, der heute eine Ahnung hat, was damit gemacht werden könnte. Ich habe auch aus Ihren Reihen bisher noch keinen sinnvollen Vorschlag gehört. Die Gefahr, dass dieses Plutonium in falsche Hände gerät, ist hingegen unbestreitbar. Die dubiosen Geschäfte mit russischen Pseudoabrüstungsfirmen, von denen wir immer wieder hören, müssen uns Schlimmstes befürchten lassen. Frau Bader, auch wenn sich Ihre Ausführungen wunderschön nach Kompostieranlage anhörten, wie Frau Teuscher es nannte, glaube ich nicht, dass sich solche mafiosen Firmen und Personen für Ihren Kompost interessieren würden.
Sellafield und La Hague gehören denn auch weltweit zu den höchstgefährdeten Zielen von Selbstmordattentätern. La Hague wird mittlerweile von Bodenabwehrraketen geschützt. Das französische Sicherheitsministerium hat die Anweisung gegeben, selbst anfliegende Verkehrsflugzeuge notfalls abzuschiessen.
Aus all diesen Gründen bitte ich Sie, dem Antrag der Minderheit III (Schmid Odilo) und dem Bundesrat zu folgen.