Wyss Ursula · Nationalrat · 2000-03-15
Wyss Ursula · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2000-03-15
Wortprotokoll
Dass es dem Schweizer Wald an biologischer Vielfalt mangelt, ist seit einiger Zeit bekannt. Das Waldgesetz sieht denn explizit auch die Förderung der Biodiversität vor. Trotz dieser positiven Ausrichtung auf den naturnahen Waldbau ist die Gesamtfläche geschützter Waldgebiete immer noch bemerkenswert gering. Die Schweiz nahm 1914 eine Pionierrolle ein, als sie den Engadiner Nationalpark unter Schutz stellte. Seither ist leider sehr wenig geschehen, obwohl man mit den wenigen Reservaten, die wir heute haben, durchwegs positive Erfahrungen gemacht hat.
Die bestehenden Reservate sind regelrechte Tourismusmagnete geworden. Sie stellen für die jeweiligen Regionen darum auch einen bedeutenden wirtschaftlichen Faktor dar.
Der Bundesrat hat dies erkannt und im letzten Jahr den Kantonen das Konzept einer Waldreservatspolitik vorgelegt. Um die Biodiversität zu verbessern, bedarf es unterschiedlicher Ansätze. Naturwaldreservate sind nur eine von mehreren Möglichkeiten. Sie sind aber darum so wichtig, weil sie etwas fördern, was gerade uns Schweizern offenbar schwer fällt: das Gewährenlassen der natürlichen Entwicklung, den Verzicht auf Eingriff. Der grösste Feind des Guten ist des Guten zu viel.
Der Schweizer Wald leidet heute wohl am meisten unter der Tugend der Ordnungsliebe oder - despektierlich gesagt - unter dem allgegenwärtigen Aufräum- und Putzfimmel. Heute ist gerade ein Prozent der gesamten Waldfläche Waldreservat, und davon entfällt über ein Drittel allein auf den Nationalpark im Engadin. Die heute bestehenden Waldreservate sind zudem geografisch sehr unterschiedlich verteilt. Im Kanton Bern z. B. gibt es kein einziges grösseres Waldreservat.
Ich sehe darum nicht ein, welchen Sinn es machen soll, jetzt das Aufräumen und Herausholen des Totholzes zu subventionieren und in Kürze die Ausscheidung in ein Waldreservat auch noch zu subventionieren. Lassen wir dagegen das Holz an den geeigneten Standorten liegen, gewinnen wir in Bezug auf die biologische Entwicklung solcher Reservate sogar viele Jahre. Nutzen wir also jetzt diese Chance!
Sie wissen es genau: Es ist reine Polemik, hier von "Giesskannensubventionismus" zu sprechen. Beiträge für Waldreservate werden sehr gezielt eingesetzt und nur dann, wenn ein kantonales Konzept vorliegt und alle Beteiligten am selben Strang ziehen. Der Anteil der Waldreservate soll von 1 Prozent auf 1,1 Prozent erhöht werden. Behalten wir also die Verhältnismässigkeiten im Auge!
Wir haben in der gegenwärtigen Situation mit der Förderung von Waldreservaten ausserdem den willkommenen Effekt, nicht nur ökologisch den Wald, sondern auch angebotsseitig den Markt zu entlasten. Das scheint hier und heute eines der zentralen Anliegen zu sein.
Darum bitte ich Sie im Namen der SP-Fraktion, den Antrag der Minderheit Steiner abzulehnen.