Stadler Hansruedi · Ständerat · 2002-06-19
Stadler Hansruedi · Ständerat · Uri · Christlichdemokratische Fraktion · 2002-06-19
Wortprotokoll
Sommerzeit ist nicht nur Ferienzeit, sondern Sommerzeit ist vielerorts auch Lehrabschlusszeit. Dieses jährliche Grossereignis hat mich immer beeindruckt. Ich denke dabei an den grossen Einsatz vieler Jugendlicher, die beeindruckende Leistungen erbringen und auch leistungsbereit sind. Ich denke aber auch an das enorme Engagement der Ausbildnerinnen und Ausbildner, der Lehrbetriebe sowie der Berufsschulen. Während zwölf Jahren habe ich in meiner Exekutivtätigkeit einen sehr guten Einblick in die Berufsbildung unseres Landes erhalten. Erlauben Sie mir deshalb einige grundsätzliche Überlegungen zur Berufsbildung.
Warum ist ein gutes Berufsbildungssystem für unser Land von so zentraler Bedeutung? Unser Berufsbildungssystem ist einmal einer der wesentlichen Standortvorteile der Schweiz. Wir haben im Vergleich zu anderen Ländern eine hohe Wertschöpfung pro Beschäftigten. Auch die tiefe Jugendarbeitslosigkeit ist vor dem Hintergrund unserer Berufsbildung zu sehen. Es gibt noch einen zweiten Punkt: Unser Berufsbildungssystem mit der engen Zusammenarbeit zwischen den Berufsverbänden, Lehrbetrieben und Berufsschulen vor Ort gleicht heute flächendeckend einem eigentlichen Motor für die volkswirtschaftliche Entwicklung unseres Landes. Ich denke dabei auch an die Entwicklung der Randregionen.
Welches sind nun aber die so genannten Qualitäten des viel beschworenen dualen Systems? Auch in der modernen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft hat das Zusammenwirken zwischen praxis- und schulgestützter Bildung seine Bedeutung. Die Kombination von Theorie und Praxis ist eine ideale Voraussetzung für den Einstieg in die Arbeitswelt. Angebot und Nachfrage nach Qualifikationen und damit auch nach Lehrstellen werden hier auf den Arbeitsmarkt abgestimmt. Die berufliche Ausbildung findet auch an der so genannten Front des Wirtschaftsgeschehens statt. Neuerungen fliessen damit unmittelbar in die Berufsbildung ein. Jugendliche können im Weiteren im konkreten Arbeitseinsatz nicht nur das berufliche Rüstzeug erwerben, sondern auch Arbeitshaltung und soziales Verhalten. Die Berufsbildung ist für mich schlussendlich auch das eigentliche Reservoir für das mittlere Kader unserer Unternehmen, das für den wirtschaftlichen Erfolg dieses Landes von so zentraler Bedeutung ist.
Neue Technologien, der Strukturwandel, aber auch gesellschaftliche Entwicklungen stellen heute das duale Berufsbildungssystem vor grosse Herausforderungen. Zwei dieser Herausforderungen möchte ich herausgreifen, vorab einmal die gesellschaftlichen Entwicklungen. Der Trend zur gymnasialen Ausbildung hat gerade nach der Verkürzung der Gymnasialzeit direkte Auswirkungen auf die Berufsbildung. Dies hat auch etwas mit dem Image der Berufsbildung und der Wertschätzung der Gesellschaft gegenüber der Berufsbildung zu tun. Ich habe dabei festgestellt, dass es heute nicht vorab die Jugendlichen sind, die diesen Trend verstärken, sondern deren Eltern. Das neue Berufsbildungssystem hat somit einen Beitrag zur Attraktivitätssteigerung der Berufsbildung zu leisten und die zwei anderen Massnahmen, die bereits eingeleitet wurden, zu ergänzen: Ich denke an die Berufsmaturität und an die Reform der Fachhochschulen. Unter dem Gesichtspunkt der Attraktivitätssteigerung haben wir das Augenmerk noch einmal auf die Durchlässigkeit im ganzen Bildungswesen zu richten.
Eine zweite grosse Herausforderung ist sicher die rasante Entwicklung in der Arbeitswelt. Der ständige Wandel ist hier die einzige Konstante. Diese rasante Entwicklung ruft nach einer flexiblen Ordnung, die auch Neuerungen und Innovationen auffangen kann. Es stellt sich nun konkret die Frage, ob der Gesetzentwurf diese wichtige, zukunftsgerichtete [PAGE 495] Reform des Berufsbildungswesens ermöglicht. Ich meine, er tut es. Obwohl der Schulanteil immer bedeutsamer wird, bleibt die Berufsbildung in der Praxis verankert. Damit wird die Bedeutung der dualen Ausbildung unterstrichen. Dank der Form des Rahmengesetzes können Neuerungen aufgefangen werden, und so erhalten wir eine flexible Ordnung. Ausdruck dieser Flexibilität sind beispielsweise Artikel 1, Artikel 4 und Artikel 13 Absatz 2. Hier steht beispielsweise: "Die Anteile der Bildung gemäss Absatz 1, ihre organisatorische Ausgestaltung und die zeitliche Aufteilung werden nach den Ansprüchen der Berufstätigkeit in der entsprechenden Bildungsverordnung bestimmt." Auf der einen Seite haben wir somit ein offenes Rahmengesetz; auf der anderen Seite ruft dies aber beim Erlass der Ausführungsbestimmungen auf Verordnungs- oder Reglementsstufe nach einer engen Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Partnern der Berufsbildung, d. h. den Organisationen der Arbeitswelt und den Kantonen.
Durch das neue Berufsbildungsgesetz können auch Innovationen aufgefangen werden. Ich denke hier beispielsweise an die Artikel 4 und 55, wonach Projekte zur Entwicklung der Berufsbildung unterstützt werden können. Zu begrüssen ist der Einbezug aller nichtakademischen Berufsbildungen, also auch der Berufe im Sozialwesen, im Gesundheitswesen und im Kunstbereich. Wenn es nun gelingt, alle Bildungsgänge auf Sekundarstufe I, auf Sekundarstufe II und auf der Tertiärstufe ähnlich zu strukturieren, und wenn die vertikalen und horizontalen Übergänge durchlässig ausgestaltet werden, dann entsteht in der Schweiz ein Bildungssystem, welches sich durch Transparenz und Durchlässigkeit auszeichnet. Ich meine, dass das neue Berufsbildungsgesetz einen Beitrag dazu leistet. Der Hinweis auf die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens gehört heute zum Standardrepertoire jeder Politikerin und jedes Politikers.
Mit der berufsorientierten Weiterbildung befasst sich das 4. Kapitel des Gesetzes. Ich meine, dass damit klar auch die Verknüpfung der Grundausbildung mit der Weiterbildung erfolgt. Zu begrüssen ist auch die klärende Kompetenzordnung des Gesetzes mit der Aufgabenteilung zwischen Bund, Kantonen und den Organisationen der Arbeitswelt.
Ganz entscheidend ist schlussendlich bei der Finanzierung der Übergang von der aufwand- zur leistungsorientierten Finanzierung. Es ist Zeit, dass die Berufsbildung auch bei der Finanzierung gleich lange Spiesse wie die anderen Ausbildungswege erhält, denn bedenken Sie doch, dass immerhin zwei Drittel aller Jugendlichen diesen Weg einschlagen. Was die Grössenordnung des Bundesanteils anbelangt, habe ich doch gewisse Sympathien für den Antrag Hess Hans.
Zusammenfassend kann ich festhalten: Das neue Berufsbildungsgesetz trägt zur Attraktivitätssteigerung der Berufsbildung bei. Das neue Gesetz ist auch ein klares Bekenntnis zum dualen Bildungssystem. Als offenes Rahmengesetz erlaubt es, auf Änderungen in der Arbeitswelt flexibel zu reagieren. Damit können auch in Zukunft wichtige Innovationen aufgefangen werden. Mit einem klaren Bekenntnis zu unserem Berufsbildungssystem stärken wir schlussendlich auch diesen Standortvorteil der Schweiz.
Ich ersuche Sie, auf die Vorlage einzutreten.