Marti Min Li · Nationalrat · 2019-06-05
Marti Min Li · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-06-05
Wortprotokoll
Dieses Postulat wird die Welt nicht verändern, aber vielleicht einigen eine neue Welt eröffnen. Es geht darum, dass Jugendliche zu ihrem 16. Geburtstag einen Kulturgutschein erhalten sollen. Damit soll allen Jugendlichen die Möglichkeit gegeben werden, ein Kulturangebot ihrer Wahl zu nutzen.
Hier drin sind wir uns über vieles nicht einig. Aber eine Mehrheit teilt, denke ich, die Meinung, dass Kultur - unabhängig davon, ob Hochkultur oder Volkskultur - eine wichtige Funktion hat und einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft einnimmt. Kultur bewahrt Erinnerung und Tradition, Kultur schafft Orientierung und stiftet Identität, sie regt zum Nach- und Umdenken an, sie verstört und rüttelt auf - und manchmal macht sie sogar auch Spass.
Wenn man Kulturinstitutionen besucht - sei es die Tonhalle, ein Studiokino, ein Theater -, fällt oft auf, dass das Publikum im Durchschnitt nun doch eher im reiferen Alter ist. Junge Leute sind selten zu finden, Jugendliche schon gar nicht. Wenn wir aber wollen, dass Kultur eine Zukunft hat, dann braucht sie auch Nachwuchs. Ansonsten ist ihr Fundament auf Styroporwürfeln statt auf solidem Fels gebaut.
Mit den Kulturgutscheinen könnten wir Jugendlichen ermöglichen, selbstbestimmt in eine neue Welt einzutauchen, und zwar nicht in eine, die von der Schule oder von Erwachsenen vorgegeben ist, sondern in eine, in der nicht vorgeschrieben ist, was gute Kultur ist. Wir würden es ihnen ermöglichen, diese Welt selber kennenzulernen und zu entdecken. [PAGE 906]
Der Bundesrat beantragt bedauerlicherweise die Ablehnung dieses Postulates. Ich bitte ihn dennoch, sollte das Postulat nicht angenommen werden, kulturpolitisch zu berücksichtigen, dass Kultur auf Nachwuchs angewiesen ist. Es braucht nicht nur Nachwuchs bei den Kulturschaffenden, sondern auch aufseiten der Konsumentinnen und Konsumenten.
Ich danke für Ihre Unterstützung.