Feri Yvonne · Nationalrat · 2019-06-13
Feri Yvonne · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-06-13
Wortprotokoll
Ich vertrete den Minderheitsantrag zu dieser parlamentarischen Initiative. "Burnout" ist ein Sammelbegriff und steht für einen emotionalen, geistigen und körperlichen Erschöpfungszustand, der durch eine Antriebs- und Leistungsschwäche gekennzeichnet ist und typischerweise am Ende eines monate- oder sogar jahrelang andauernden Teufelskreises aus Überarbeitung und Überforderung steht.
Wir alle kennen sicher Personen, welche von Burnout betroffen waren oder sind. Ich kenne beispielsweise auch solche, welche seit ihrem Burnout nie mehr voll leistungsfähig im Berufsleben gestanden haben, d. h., sie können nur noch Teilzeit arbeiten, wenn überhaupt. Daher brauchen wir unbedingt für diese Personen eine adäquate Lösung, welche nicht [PAGE 1078] "Sozialhilfe" heisst, sondern über andere Sozialleistungen abgerechnet wird. Burnout soll als Berufskrankheit anerkannt sein.
Symptome von Burnout können folgende sein - ich nenne nur eine Auswahl -: chronische Müdigkeit und seelische Erschöpfung, die auch nach einer Erholungsauszeit nicht verschwindet; Distanzierung von der Arbeit; körperliche Beschwerden, z. B. Schlafstörungen, höhere Anfälligkeit für Krankheiten, Appetitlosigkeit, Verdauungsbeschwerden, Kopf- und Rückenschmerzen usw.; psychische Veränderungen; Änderungen im Verhalten, beispielsweise sozialer Rückzug, Hyperaktivität, Konsum von suchtfördernden Substanzen, Vernachlässigung von Freizeitaktivitäten.
In der Arbeitswelt gibt es Rahmenbedingungen, welche Burnout auslösen können. Das sind u. a. folgende: hohe Arbeitsmenge, hoher Termindruck, hohe Verantwortung und mangelnde Ressourcen - Mangel an Personalkapazität, Finanzmitteln oder auch notwendigem Know-how -, mangelnde Kontrolle bzw. Selbstbestimmung bei der Arbeitsdurchführung, fehlender Handlungsspielraum, mangelnde Partizipation an Entscheidungsprozessen, langer, häufiger, intensiver und anspruchsvoller Kundenkontakt, schlechte Teamarbeit, mangelnde Kommunikation, fehlende soziale Unterstützung von Kollegen, Kolleginnen und Vorgesetzten. Die Liste wäre noch viel länger.
Ich komme zu ein paar Zahlen und Fakten: Die Anzahl der geleisteten Überstunden pro Jahr steigt in Europa fast kontinuierlich an. In der Schweiz lagen die geleisteten Überstunden nach den Berechnungen des Bundesamtes für Statistik im Jahr 2007 bei 186 Millionen, 4,3 Prozent mehr als im Jahr davor. Da die Schätzung der unbezahlt geleisteten Überstunden eher vorsichtig ausfällt, ist davon auszugehen, dass die Zahlen in Wahrheit noch weit höher sind. In Zeiten der Wirtschaftskrise und des drohenden Arbeitsplatzverlustes verschärft sich die Lage nochmals. Im Jahr 2018 fühlten sich 27,8 Prozent der Mitarbeitenden emotional erschöpft. Der Produktivitätsverlust für die Schweizer Wirtschaft wird auf 6,5 Milliarden Franken oder rund 1 Prozent des nationalen BIP geschätzt.
Die Minderheit der Kommission ist aus all den vorgenannten Gründen überzeugt davon, dass wir jetzt eine Lösung anstreben müssen, wie sie in der vorliegenden parlamentarischen Initiative skizziert wird. Die Mehrheit argumentierte, dass die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber für Prävention und Burnoutverhinderung verantwortlich sind. Das kann ja sein, doch nicht alle sind wirklich daran interessiert, insbesondere nicht in unserer stark digitalisierten Arbeitswelt - die Patrons sind oft weit weg von den Arbeitnehmenden. Ausfälle von Arbeitnehmenden bedeuten hohe Kosten für die Arbeitgebenden, für die Wirtschaft, aber auch weniger Einnahmen bei den Steuern, allenfalls mehr Sozialhilfeausgaben. Wir brauchen aber auch eine klare Definition von Burnout, wie es die WHO zurzeit anstrebt; zwischenzeitlich hat sie einen ersten Schritt gemacht. Auch die Ärzteschaft trägt bei der Diagnose eine hohe Verantwortung. Gegen Missbrauchsfälle haben wir ja bekanntlich bereits die Versicherungsspione bewilligt.
Also spricht nichts dagegen, aber vieles dafür, dieser parlamentarischen Initiative in dieser Phase Folge zu geben. Damit die offenen Fragen fundiert geklärt werden können, folgen Sie bitte der Minderheit.