Lexipedia

Fetz Anita · Ständerat · 2019-06-19

Fetz Anita · Ständerat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-06-19

Wortprotokoll

Das meiste ist ja gesagt; ich lasse es mir aber nicht nehmen, zu zwei Punkten etwas zu sagen. Kollege Rieder hat die Qualifikationsfrage ins Zentrum gestellt. Das ist wichtig, dazu möchte ich etwas sagen. Dann möchte ich eine kurze Bemerkung zum grandiosen Gedicht von Kollege Caroni machen. Dieses hat mich ein bisschen an die berühmten Blumensträusse erinnert, die gewisse Männer ihren Frauen nach Hause bringen, wenn sie eigentlich ein schlechtes Gewissen haben. (Heiterkeit) Irgendwie hat es mich daran erinnert.

Aber zur Sache: Wir reden hier, es wurde gesagt, über die harmloseste Form von Richtwerten oder Empfehlungen. Das hat nix mit Quoten zu tun. Es ist freiwillig, es gibt keine Sanktionen, man kann sich Zeit nehmen. "Quötchen mit Samtpfötchen", würde ich denen sagen, die gerne reimen. Weniger ist fast nicht mehr möglich. Trotzdem ist es richtig und wichtig. Wir operieren ja in der Schweiz immer mit einem freiwilligen Proporz. Hier geht es eigentlich um nichts anderes. Wir sagen den börsenkotierten Firmen: Schaut, ihr braucht einfach, damit ihr ein modernes, qualifiziertes, gemischtes Team auf die Beine stellen könnt, auch in der Geschäftsleitung qualifizierte Frauen.

Kollege Rieder, jetzt zu den Richterwahlen heute Morgen: Das war ja ein klasse Beispiel. Ich habe es ein bisschen anders verstanden als Sie. Heute Morgen hat sich eine Partei mit Getöse darüber beklagt, dass der freiwillige Proporz bei den Richterwahlen nicht eingehalten wurde. Zum Glück konnten Sie von der CVP eine qualifizierte Frau bringen. So konnte man die Chose einigermassen in Balance halten. Sonst wäre es wahrscheinlich zu einem Streit gekommen. Aber toll: Wir haben jetzt eine Frau mehr an den Gerichten.

Auch im Bundesrat gibt es ja den berühmten freiwilligen Proporz, nicht nur in Bezug auf die Parteien, sondern auch in Bezug auf die Regionen. Seit kurzer Zeit haben wir also einen Quotentessiner im Bundesrat - ist doch schön, dass das Tessin auch mal vertreten ist. Sie werden, Kollege Rieder, wohl kaum infrage stellen, dass er qualifiziert ist, oder? Man muss also die Sache ein bisschen ganzheitlicher sehen.

Wenn wir schon bei der Qualifikation sind: Ich möchte in Erinnerung rufen, was wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Da hat es 90-Prozent-Männer-Quoten, nicht nur im Verwaltungsrat, sondern auch in den Geschäftsleitungen, gegeben. Da muss man sich wirklich fragen: Waren das die Besten und Qualifiziertesten? Jene, die die Swissair gegroundet haben? Jene, die die UBS an den Abgrund geführt haben? Jene, die weltweit die Finanzkrise ausgelöst und damit Millionen von Menschen wirklich übel mitgespielt haben? Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass das die Qualifiziertesten waren - einfach zur Erinnerung. Das ändert sich ja jetzt alles.

Noch ein Wort zur CEO-Ebene und zum Frauenanteil: Wie Sie wissen, arbeite ich seit dreissig Jahren in der Personalentwicklung und habe dort auch viele Nachwuchsförderungsprogramme für Frauen gemacht. Es ist tatsächlich so, dass es manchmal schwieriger ist, in gewissen Branchen Frauen auf die Ebene CEO zu bringen. Umso wichtiger sind diese Empfehlungen. Man soll nicht den Weg des geringsten Widerstandes gehen, sondern dort schauen, wo die qualifizierten Frauen sind. Heute sind sie im mittleren Management längst vorhanden. Man muss sie einfach entsprechend aufbauen und nicht nur stets das Gleiche vom Gleichen wählen, wozu wir Menschen neigen: Wir haben immer das Gefühl, wenn jemand ähnlich aussieht, ähnlich tickt, die gleiche Ausbildung und das gleiche Geschlecht hat, dann sei er uns irgendwie näher. Deshalb sind diese Empfehlungen wichtig. Die Frauen sind da, und bei den Jungen mache ich mir sowieso keine grossen Gedanken.

Doch zum Schluss möchte ich mir schon noch einen Hinweis erlauben. Ich finde das gut, das Quötchen mit Samtpfötchen, das unterstütze ich auch. Man muss es aber auch nicht überbewerten. Das wird im besten Fall ein paar Hundert Frauen interessante Jobs bringen. Das freut mich, das finde ich toll. Die Mehrheit der Frauen braucht aber ganz andere Dinge, und das erwarte ich dann auch. Sie brauchen nämlich Unterstützung bei der Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und dafür ist die Politik verantwortlich. Das ist dann das nächste Projekt, das umgesetzt werden muss. Teppichetage ist gut, aber die Mehrheit braucht heute auch noch andere Massnahmen. [PAGE 528]