Trede Aline · Nationalrat · 2019-09-11
Trede Aline · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2019-09-11
Wortprotokoll
Ich kann es kurz machen. Wir haben sehr vieles schon gehört, und ich möchte Ihnen einfach noch einige Zahlen mitgeben, die für sich sprechen.
Wir haben es heute Morgen schon von meiner Fraktionskollegin Irène Kälin gehört: 54,4 Wochen Elternzeit ist der Mittelwert aller OECD-Länder. 82,3 Prozent der erwerbstätigen Mütter mit kleinen Kindern arbeiten heute Teilzeit; dabei sind die, die gar nicht arbeiten, noch nicht eingerechnet. Nur 13,4 Prozent der Väter in dieser Situation - also der Väter mit Kindern unter vier Jahren - arbeiten Teilzeit. Es gibt praktisch nur noch Kindergärtnerinnen, und auch in der Unterstufe der Grundschule sind alle Lehrkräfte weiblich. In den Verwaltungsräten von börsenkotierten Firmen sind nur 20 Prozent Frauen. In Geschäftsleitungen sind es nur 9 Prozent. Es gibt über 50 Prozent Medizinstudienabgängerinnen, aber keine 10 Prozent leitende Ärztinnen. Hier im Rat - wenn denn alle da wären - sind nur ein Drittel Frauen; vom Ständerat spreche ich lieber gar nicht. Das Maximum bei der Mutterschaftsentschädigung beträgt heute 196 Franken pro Tag. Bei Dienstleistenden - das Geld wird aus demselben Topf bezahlt, mit der gleichen Basis, der EO - können es bis zu 245 Franken sein. Aus der gleichen Grundentschädigung gibt es also 20 Prozent mehr für Dienstleistende.
Zu Rollenbildern - beispielsweise zu Themen wie Spielzeuge für kleine Kinder oder frühkindliche Prägungen - gibt es nicht einmal verlässliche Zahlen, keine Studien. Wir wissen nicht einmal, wovon wir sprechen. Doch die Zahlen, die wir kennen - ich habe Ihnen einige genannt -, sprechen für sich und sind einer modernen Gesellschaft sehr unwürdig.
Dies zeigt auch die heutige Debatte. Wir sprechen wieder nur von "Vater" und "Mutter". Dabei sind heute auch Familienmodelle nicht mehr wie vor hundert Jahren oder noch früher. Es gibt Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien, es gibt Alleinerziehende. Und was ist mit Adoptionen? Wer ist dann Vater und Mutter? Wie sieht es da aus mit einem "Urlaub"? Auch Familien mit adoptierten Kindern haben ein Recht auf eine Zeit, in der sie sich als Familie finden können. Es gibt eben Väter und Väter oder Mütter und Mütter. Es gibt auch Grosseltern, die die wichtigsten Bezugspersonen für Kinder sein können. All dem wird die Diskussion, die wir heute hier führen, nicht gerecht. Wir müssen aufhören, immer von "Vater" und "Mutter" zu sprechen. Wir müssen von "Eltern" und von einer "Elternzeit" sprechen.
Es ist eben auch eine Gleichstellungsfrage. Wir haben heute auch schon wirtschaftliche Argumente dafür gehört. Es wird immer wieder infrage gestellt und diskutiert, wie teuer eine solche Elternzeit sei. Wenn wir das Potenzial anschauen, das, was vor allem die Frauen, die jetzt nicht oder nur wenig arbeiten, für die Volkswirtschaft leisten können, ist eine Elternzeit unter dem Strich für uns alle gut.
Wir haben hier auch viel von Vögeln gesprochen, so von Tauben, Spatzen und anderen Vögeln, die wir in der Hand halten. Ich möchte noch ein Tier einbeziehen, und das ist die Schnecke. Wir sind punkto Gleichstellung im Schneckentempo unterwegs. Ich finde, dass wir jetzt diese Schnecke endlich aus dem Haus lassen sollten. Da haben wir heute einen Anfang gemacht. Meine Fraktion und auch ich sind klar der Meinung: 4 Wochen Vaterschaftsurlaub sind viel zu wenig. Es ist eigentlich auch die falsche Diskussion, weil wir von "Elternzeit" sprechen müssen. Aber hier drin sind wir ja schon froh, wenn wir 2 Wochen knapp durchbringen. Das sind halt auch die politischen Mehrheiten. Das gilt es zu akzeptieren.
Aber ich denke doch, dass wir heute zumindest einen ganz kleinen Schritt machen und diese Initiative unterstützen sollten.