Schneider Schüttel Ursula · Nationalrat · 2019-09-11
Schneider Schüttel Ursula · Nationalrat · Freiburg · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-09-11
Wortprotokoll
Ja, Frau Schläpfer, unsere Positionen sind wahrscheinlich extrem weit auseinander.
Die vorliegende Volksinitiative ist bei Weitem nicht der erste Versuch, einen Vaterschaftsurlaub einzuführen. Dieser entspricht effektiv einem gesellschaftlichen Bedürfnis. Bereits 1998 reichte mein Freiburger Parteikollege und ehemalige Nationalrat Erwin Jutzet eine Motion für einen Vaterschaftsurlaub ein. Er lud den Bundesrat damals ein, die gesetzliche Grundlage zu schaffen, damit lohnbeziehende Väter bei der Geburt eines Kindes einen bezahlten Urlaub von mindestens einer Woche erhalten. Die schriftliche Begründung leitete er damals mit dem Satz ein: "Eine Geburt ist eines der freudigsten Ereignisse für beide Elternteile und würde für sich allein ein paar Tage Urlaub rechtfertigen." Da hatte er eindeutig Recht. Leider wurde damals die Motion trotz bescheidener Forderung abgelehnt.
Seither sind zwanzig Jahre vergangen. Die damals geborenen Kinder sind mittlerweile stimmberechtigt. Was sagen sie wohl zu einem Vaterschaftsurlaub? Gemäss einer Umfrage des Vereins "Vaterschaftsurlaub jetzt!" sollen fast 85 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung einen bezahlten Vaterschaftsurlaub wünschen. Es ist höchste Zeit, dass dem Anliegen nach einem vernünftigen Urlaub entsprochen wird. 4 Wochen für die Väter, um Zeit mit ihrem neugeborenen Kind zu verbringen, scheint mir dabei ein Minimum zu sein. Denn noch lieber wäre mir, wenn wir das Modell der Elternzeit aufnehmen würden, das in skandinavischen Ländern wie Schweden, Dänemark oder Norwegen seit Langem besteht. In Schweden beispielsweise bestehen Elterngeld- und Elternzeitregelungen bereits seit 1974. Aktuell sind es 60 Tage für jeden Elternteil einzeln und 420 Tage, die frei unter den beiden Elternteilen aufgeteilt werden können. Da sind wir mit den in den Minderheitsanträgen zur Diskussion stehenden Elternzeitdauern direkt bescheiden.
Zeit mit dem eigenen Kind zu verbringen ist für beide Elternteile wichtig. Die heutigen Väter wollen ebenfalls ab der Geburt Verantwortung für ihre Kinder übernehmen, und dies eben nicht nur finanziell. Sie pochen zu Recht darauf, nicht mehr nur "Zahlväter" zu sein.
Wichtig an der Forderung nach Elternzeit oder eben zumindest nach einem Vaterschaftsurlaub ist für mich, dass dadurch eine gleichberechtigte Teilung der Verantwortung für die Kinderbetreuung und für die Erwerbsarbeit ermöglicht wird. Wenn Väter von Beginn an für ihre Kinder da sein und für sie die Verantwortung übernehmen können, steigt auch ihr Interesse an einer Teilzeitarbeit. Je mehr Männer Teilzeit arbeiten, umso üblicher wird es werden, dass auch mit Teilzeitarbeit Verantwortung im Beruf übernommen werden kann, umso mehr werden auch Frauen Gelegenheit erhalten, mit Teilzeitarbeit verantwortungsvollere Aufgaben zu übernehmen. Das ist für mich der Weg zu wirklicher Gleichberechtigung und zur effektiven Vereinbarung von Familie und Beruf.
Deshalb unterstütze ich die Initiative für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub als Minimum auf dem Weg zu einer vernünftigen Elternzeit. Und ich hoffe, dass es nicht weitere zwanzig Jahre dauern wird, bis wir einen weiteren kleinen Schritt Richtung Gleichstellung in Familie und Beruf machen werden.