Wermuth Cédric · Nationalrat · 2019-09-11
Wermuth Cédric · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-09-11
Wortprotokoll
Ich bitte Sie, eine Initiative zur Annahme zu empfehlen, die schon in ihrem Titel wahrscheinlich nicht falscher formuliert sein könnte. Es geht nämlich bei der Initiative für einen 4-wöchigen Vaterschaftsurlaub weder primär um die Väter noch um einen Urlaub!
Zu dieser Initiative Nein zu sagen ist nicht eine Ohrfeige für die jungen Männer: Es ist vor allem eine Ohrfeige für die jungen Frauen und die jungen Mütter in diesem Land, weil es nichts anderem gleichkommt, als ihnen zu sagen: "Ach, nehmen Sie es nicht so schwer! Wissen Sie, das bisschen Kinderkriegen, den Haushalt und übrigens auch Ihre berufliche Karriere kriegen Sie auch alleine hin!" Diese Initiative zu bekämpfen bedeutet, von den Realitäten der Generation, die jetzt Kinder bekommt und Kinder hat, ziemlich weit entfernt zu sein.
Weiter hat es auch mit Urlaub nichts zu tun. Urlaub, das weiss jeder und jede, der oder die bereits Kinder hat, ist schon einmal per Definition etwas anderes. Vor allem aber ist Urlaub etwas, was Sie sich privat verdient haben, weil Sie sehr lange dafür gearbeitet haben. Hier geht es um etwas ganz anderes: Es geht um die Korrektur einer versteckten Subvention an die öffentliche Hand und insbesondere an die [PAGE 1467] Unternehmen in diesem Land. Heute wurde viel argumentiert, die Kosten der verschiedenen Varianten seien für die sogenannte Wirtschaft, für die Unternehmen und für die Kapitalseite nicht tragbar. Die Kosten entstehen aber sowieso: Sie werden heute einfach von den Familien getragen, insbesondere von den Frauen, die diese Arbeit gratis leisten dürfen. Die Unternehmen eignen sich dann diese Arbeit an und wandeln sie in Gewinne um, ohne je etwas dafür bezahlt zu haben. Es ist auch eine Subvention für den Staat, weil Kinderkriegen natürlich jeweils ein individueller Entscheid ist. Niemand muss das. Ich bin überzeugt, Sie können ein wunderschönes Leben haben ohne Kinder. Aber als Gesellschaft sind wir auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass Leute Kinder haben, nicht nur für die Finanzierung der Sozialversicherungen - das ist noch das Einfachste -, sondern auch, damit irgendjemand die Toilette noch flicken kann, wenn wir einmal selber alt sind.
Weiter wird hier ein ganz grosser Fehler gemacht, wenn man glaubt, mit einem Nein zu dieser Initiative etwas für die KMU zu machen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Ablehnung dieser Initiative ist zutiefst gewerbefeindlich. Faktisch ziehen jetzt die grossen internationalen Unternehmen, die staatsnahen übrigens auch, mit Lösungen von mehreren Wochen Vaterschaftsurlaub davon. Der Unterschied ist ganz einfach: Das kann sich die Buchhandlung oder der Metzger bei mir um die Ecke nicht allein leisten. Dafür braucht es eine kollektive Lösung. Wenn Sie jetzt hier nicht einen Schritt tun, dann hängen Sie das Schweizer Gewerbe im Kampf um die besten Fachkräfte ab. Dann sind es nur noch die Grossen und die Multis, die entsprechend spannende Arbeitsplätze anbieten können.
Zuallerletzt: Es ist, ich gebe es zu, ein Mosaikstein - nicht mehr -, ein Mosaikstein auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die es schafft, dass Männer und Frauen, in welcher Beziehungskonstellation sie auch immer Kinder haben wollen, sich diese Arbeit besser aufteilen können. Inzwischen gibt es wirklich kein europäisches Land mehr - es ist kein Witz, sogar der Vatikan hat einen Vaterschaftsurlaub für seine Angestellten -, das noch nicht auf diesem Niveau angekommen ist. 2019 kann das Jahr sein, in dem wir den Schritt tun, zumindest hier anzukommen.
Ich bitte Sie, diese schon sehr bescheidene Initiative zur Annahme zu empfehlen.