Marti Min Li · Nationalrat · 2019-09-11
Marti Min Li · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-09-11
Wortprotokoll
Ich habe in der Vorbereitung zur heutigen Debatte im Amtlichen Bulletin die Debatte des Ständerates gelesen und bin dort über einen Satz von Andrea Caroni gestolpert. Er hat Folgendes gesagt: "Ich bin noch heute stolz darauf, dass ich der Erste in unserem Haushalt war, der ein Kind gewickelt hat, und ich kann jedem frischgebackenen Vater eine solch intensive Familienzeit nur wärmstens ans Herz legen."
Nun ist dieser Wunsch ein wenig hohl, wenn man nicht die entsprechenden Mittel und Möglichkeiten bereitstellen will. Aber darum geht es mir eigentlich nicht. Es geht mir um etwas anderes. Andrea Caroni ist nicht der einzige Mann, der mir in den letzten zwanzig Jahren Beruf und Politik in Vorstellungs- und Pausengesprächen begegnet ist und sich ein wenig gebrüstet hat damit, dass er Windeln gewechselt hat. Ich habe aber noch nie eine Frau getroffen, die das gesagt hat. Ich vermute, es ist nicht so, weil Frauen nicht Windeln wechseln. Ich vermute, es ist so, weil es für sie nichts Aussergewöhnliches ist, weil es einfach dazugehört.
Neben dem Wickeln und dem Füttern gibt es viele andere Dinge, die einfach dazugehören: kochen und putzen und aufräumen und einkaufen und Wäsche machen, bügeln, aufräumen, Fingernägel schneiden, Nasen putzen, Arzttermine organisieren, Kindergeburtstage organisieren, Kindergeburtstagsgeschenke kaufen, sich überhaupt an all diese Kindergeburtstage erinnern, Babysitter suchen, Kleider aussortieren, Kinderkleiderbörsen organisieren, "Räbeliechtli" schnitzen, Adventskalender basteln usw. - die Liste ist schier endlos.
Es ist eine Arbeit, die nicht spektakulär ist, die aber gemacht werden muss, weil wir als Menschen eine nicht unbedeutende Zeit unseres Lebens nicht selbstständig sind und in dieser Zeit bekümmert und umsorgt werden müssen. Diese Arbeit ist nötig, aber die Frauen, die sie meistens machen, erhalten für diese Arbeit oft keine Anerkennung und meistens auch keinen Lohn und keine Bezahlung, im Gegenteil: Diese Arbeit ist der Grund, warum sich die Lohnungleichheit bei den Frauen ab der Geburt des ersten Kindes akzentuiert, warum sie als Mütter weniger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, warum sie in der beruflichen Sackgasse landen, obwohl sie das nicht wollen, und warum sie am Ende ihrer Erwerbslaufbahn eine kleinere Rente haben.
Die Ökonomin Mascha Madörin hat ausgerechnet, dass den Frauen jedes Jahr 100 Milliarden Franken entgehen, weil die von ihnen geleistete und nötige Arbeit nicht bezahlt wird. Das wird sich niemals ändern, solange die unbezahlte Haus- und Familienarbeit eine reine Frauensache bleibt. Es wird sich auch niemals ändern, wenn es nicht für Männer und für [PAGE 1473] Frauen selbstverständlich ist, Haus- und Familienarbeit zu leisten. Das muss vom ersten Tag an so sein, damit es eben nicht ungewöhnlich und nicht spektakulär ist, wenn ein Mann das Kind wickelt, sondern einfach dazugehört; damit von Anfang an klar ist, dass die Geburt eines Kindes Mütter und Väter etwas angeht.
Dazu ist der Vaterschaftsurlaub ein richtiger, ein wichtiger, aber erst ein erster Schritt. Denn weder 2 noch 4 Wochen reichen dazu aus, diese Verantwortung wirklich zu übernehmen. Dazu braucht es eine richtige Elternzeit. Ich bin froh, geht meine Kantonalpartei, die SP Kanton Zürich, hier voran und lanciert am Samstag eine Elternzeit-Initiative für je 18 Wochen. Denn es ist wirklich Zeit: zuerst für einen Vaterschaftsurlaub, aber auch sehr bald für eine richtige Elternzeit.