Marti Samira · Nationalrat · 2019-09-11
Marti Samira · Nationalrat · Basel-Landschaft · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-09-11
Wortprotokoll
Wir Schweizerinnen und Schweizer kranken manchmal etwas daran, dass wir wie selbstverständlich davon ausgehen, dass wir in allem die Besten sind: Recyclingweltmeister nennen wir uns, die stabilste Währung der Welt haben wir, und manche in diesem Saal sprechen sogar von der besten Armee der Welt. Doch eigentlich wissen wir es besser: Der Schweizer Finanzplatz ist einer der grössten Klimasünder der Welt. Und wir tun bis heute noch so, als ob wir kein Problem mit Neonazis und Rechtsextremismus hätten.
Es gibt noch viele weitere solche Beispiele. Eines ist besonders peinlich: Wir sind zwar stolz auf unsere Sozialsysteme, aber wir sind das einzige Land in Europa, das weder eine bezahlte noch eine unbezahlte Auszeit für Väter kennt. Wir sind sogar, das wurde heute schon mehrfach erwähnt, das familienunfreundlichste Land - gemäss einer Unicef-Studie. Damit sind wir - wie übrigens auch in anderen Bereichen - das europäische Schlusslicht, also das Gegenteil von "den Besten". Dabei wünscht sich eine satte Mehrheit von über 80 Prozent in diesem Land einen Vaterschaftsurlaub. Es gibt unzählige Gründe dafür. Und das scheint mir so selbstverständlich, dass ich es fast nicht ausdrücken kann.
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der man sich die Hausarbeit aufgeteilt hat, und zwar nicht so, dass meine Mutter praktisch alles gemacht und mein Vater ein bisschen geholfen oder sogenannt unterstützt hätte; es war wirklich ein Fifty-fifty. Mein Vater war damit in seiner Generation ein Exot. Auf dem Spielplatz war er weit und breit der einzige Mann, und manchmal war er in diesem Vater-Hausmann-Dasein auch ziemlich einsam.
Zum Glück ist das heute anders. Die Männer meiner Generation wollen eine aktive Vaterrolle übernehmen. Die Frauen fordern dies auch ein. Aber dieses Parlament sorgt regelmässig dafür, dass diesem Vorsatz unzählige Steine in den Weg gelegt werden: die steuerlichen Anreize, die traditionelle Rollenbilder in der Familie fördern; die Schwierigkeiten im Arbeitsmarkt, als Mann nach der Geburt des ersten Kindes die Stellenprozente zu reduzieren; und natürlich die Kosten für Kitas, die so hoch sind, dass es sich fast nicht lohnt, Teilzeit arbeiten zu gehen.
Das ist offenbar der politische Wille dieses Parlamentes. Aber da erlaube ich mir als jüngstes Mitglied dieses Rates, Sie auf Ihr Durchschnittsalter von 51 Jahren hinzuweisen. Sie politisieren in dieser Frage massiv an der Gesellschaft und vor allem an meiner Generation vorbei. Sie finden da draussen kaum einen jungen Vater, der findet, es brauche keinen anständigen Vaterschaftsurlaub und keine Elternzeit. Sie finden keinen Menschen, der der Meinung ist, dass ein Umzug und die Geburt eines Kindes etwa dasselbe Ausmass an Aufmerksamkeit und Einsatz erfordern. Die jungen Eltern in diesem Land können nicht verstehen, dass unsere politische Führung derart im letzten Jahrhundert steckengeblieben ist. Diese meint, Vater zu sein sei ein Luxusgut, bei dem wir es uns leisten könnten, es uns nicht leisten zu wollen.
Ihre Kommission hat das erkannt, aber anstatt konsequent zu sein, ist sie auf halbem Weg stehen geblieben. Wir sprechen jetzt von 10 Tagen, von 2 Wochen. Natürlich bitte ich Sie darum, diesen Antrag zu unterstützen, dies aus reinem Pragmatismus, denn die 20 Tage, die die Volksinitiative fordert, sind eigentlich das Minimum. Das ist nicht zu viel verlangt.
Unterstützen Sie deshalb bitte den indirekten Gegenentwurf, und empfehlen Sie die Volksinitiative zur Annahme. Die Väter meiner Generation danken es Ihnen. Vielleicht schaffen wir es damit auch irgendwann ins familienpolitische Mittelfeld der Staaten dieses Kontinentes.