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Hadorn Philipp · Nationalrat · 2019-09-11

Hadorn Philipp · Nationalrat · Solothurn · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-09-11

Wortprotokoll

Bei so vielen Rednerinnen und Rednern ist es anspruchsvoll, mit jedem Wort noch einen Mehrwert zu bringen. Das gilt auch für mich. Volksinitiativen laden dazu ein, über Grundsätzliches nachzudenken. Immerhin geht es darum, die Verfassung zu ändern. Ja, wir haben eine Verfassung, die Grundsätzliches, gelegentlich auch nur Zeitgeistiges aufzunehmen hat. In einer Gesellschaft, in der die Lebensformen vielfältig und Lebensgemeinschaften facettenreich sind, denke ich, haben wir aber immer noch ein Commitment: Das Aufziehen von Kindern bedarf eines besonderen Augenmerks, eines besonderen Schutzes, einer besonderen Fürsorge, einer besonderen Unterstützung. In einer Gesellschaft, in der wir dankbar auf einen gewissen Wohlstand und auf eine gewisse Wohlfahrt zum Wohl vieler Menschen blicken können, sind wir uns ganz besonders bewusst: Gerade auch immaterielle Werte brauchen Rahmenbedingungen, die oft materielle Unterstützung und Grundlagen brauchen.

Heute bin ich seit 29 Jahren verheiratet und Vater von drei Jungs im Alter von 22, 24 und 28 Jahren. Faktisch lebe ich also ein eher traditionelles Familienleben. Als meine Frau unser erstes Kind zur Welt brachte, studierte ich berufsbegleitend. Wir funktionierten weitgehend wie ein KMU, versuchten nach bestem Wissen und Gewissen unsere Aufgaben zu bewältigen und uns den Herausforderungen des Alltags zu stellen. Auch wenn ich mich heute wirklich über gute Beziehungen zu meinen drei sehr unterschiedlichen Söhnen freuen kann, denke ich, eine Elternzeit hätte uns die Möglichkeit geboten, die Aufnahme der Kinder in unsere Familie ganz anders zu gestalten. Ich bin überzeugt, dass das gesellschaftliche Angebot einer Elternzeit für eine gewisse Zeit von Versorgungspflichten entlastet, wichtige Perspektiven und Impulse in die Gestaltung des Familienlebens und in die Rollen in der Lebensgemeinschaft gibt, es aber auch zulässt, den Beziehungsaufbau ab Beginn ganz anders zu gestalten.

Das möchte ich nicht nur, aber auch meinen drei Söhnen ermöglichen. Den Vaterschaftsurlaub von 4 Wochen erachten die einen als revolutionär, die anderen als einen Tropfen auf den heissen Stein. Als Gewerkschafter sehe ich die Entwicklung der sozialen Errungenschaften als einen langwierigen Weg von kleinen Einzelschritten. Denken wir nur an das Verbot der Kinderarbeit, an begrenzte Wochenarbeitszeit, an Ferienansprüche, an Verfügbarkeitsregeln gegenüber dem Arbeitgeber usw. Der Vaterschaftsurlaub, wie ihn die Initiative verlangt, ist ein guter Schritt, der Gegenvorschlag ein Minischrittchen, um der Gleichstellung und Gleichberechtigung etwas näher zu kommen.

Zukunftsprojekte für ein effektiv alltagstaugliches, gelebtes gemeinsames Sorgerecht mit einer Elternzeit unter Berücksichtigung der individuellen Freiheiten und Bedürfnisse der beiden Elternteile sind und bleiben meine Vision. Aus der Wirtschaft wissen wir, dass die Transformationszyklen immer kürzer werden, und die technischen Entwicklungen und die Digitalisierung haben Optionen eröffnet, die vor Kurzem noch unvorstellbar waren. Weshalb sollten in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, in Bezug auf bezahlte Erwerbsarbeit und unbezahlte Freiwilligenarbeit, in Bezug auf Rollen und Aufgaben im Privaten und in der Gesellschaft und auch in Bezug auf Formen des Familienlebens Transformationen nicht möglich sein?

Die neue Generation erlebt eine Vielfalt an Möglichkeiten, zu konsumieren, Werte zu suchen und zu leben, das eigene Leben zu gestalten. Ich habe das Vertrauen in die zukünftige Generation, dass sie auch in der Gestaltung des Elternseins selbstständig und verantwortungsbewusst kreativen Spielraum erhalten und nützen kann. Ich zweifle nicht im Geringsten daran, dass ich auch im hohen Alter freudig [PAGE 1476] und erfüllt an einem Septembersonntag, denkend, fragend und dankend, den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag feiern kann - wir begehen ja nächsten Sonntag diesen Tag - und zurückschauen kann auf veränderte Situationen, dass ich auf unterschiedliche, mir naheliegende, aber auch schwerer verständliche Lebensentwürfe blicken kann und dabei wahrnehmen kann, wie es viele vielleicht gar ein wenig besser machen als ich. Das möchte ich der zukünftigen Generation ermöglichen. Die Richtung der moderaten Initiative stimmt.