Germann Hannes · Ständerat · 2020-12-08
Germann Hannes · Ständerat · Schaffhausen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2020-12-08
Wortprotokoll
Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Ständerates möchte eine unabhängige nationale Anlauf- oder Meldestelle für Opfer von Missständen im Sportbereich schaffen. Sie hat zu diesem Zweck die entsprechende Motion 20.4331 eingereicht.
Auslöser des heute zur Debatte stehenden Vorstosses waren die jüngsten Vorkommnisse respektive Meldungen über psychische und physische Gewalt gegenüber jungen Sportlerinnen und Sportlern. In diesem Zusammenhang sei auf die sogenannten Magglingen-Protokolle verwiesen. Diese sind am 31. Oktober 2020 im "Magazin" des "Tages-Anzeigers" erschienen, und sie haben uns alle aufgerüttelt, auch und gerade die für den Sportbereich auf nationaler Ebene zuständige WBK-S.
Auf jeden Fall haben wir daraufhin, also nach dem 31. Oktober 2020, ein Hearing anberaumt. Das war am 9. November 2020. An diesem Hearing teilgenommen haben Erwin Grossenbacher, der Präsident des Schweizerischen Turnverbandes (STV), aber auch Roger Schnegg, Direktor von Swiss Olympic. Wir wollten uns ihre Sicht der Dinge anhören, nebst natürlich auch jener des Vertreters von Magglingen, Matthias Remund, Direktor des Bundesamts für Sport.
Nun ist es dem Präsidenten des STV durchaus gelungen, einen Einblick zu geben, und er hat auch seinem Bedauern über die Vorkommnisse Ausdruck verliehen. Immerhin hat der STV 310[NB]000 Aktivmitglieder. Sie sind in 3000 Vereinen aus allen möglichen Regionen organisiert, auch aus Dörfern, wo es nicht viele Vereine gibt; wir wissen das alle. Hinzu kommen 60[NB]000 Ehren-, Frei- und anders verbundene Mitglieder. Von diesen insgesamt 370[NB]000 Mitgliedern des STV sind rund 60 Prozent Frauen. Fast 70[NB]000 Turnerinnen und Turner nahmen 2019 am grossen Eidgenössischen Turnfest in Aarau teil.
Der STV ist also in erster Linie ein Breitensportverband, aber der Spitzensport hat natürlich ebenso einen wichtigen Stellenwert. Die Hauptdisziplinen sind Kunstturnen, rhythmische Gymnastik und Trampolin. Etwa 2 Prozent der STV-Mitglieder sind im Spitzensport eingebunden. Die Finanzierung erfolgt nebst Beiträgen von der Sport-Toto-Gesellschaft und Bundesgeldern über Swiss Olympic und Sponsoring, in erster Linie aber über den Breitensport.
Wir reden jetzt heute eigentlich nicht vom Breitensport, sondern von jenen 2 Prozent, die im Spitzensport aktiv sind, und das ist natürlich eine ganz besondere Welt. Die Vorgeschichte ist bekanntlich schon etwas länger: Der Turnverband hat bereits im Jahr 2013 aufgrund von Hinweisen aus dem[NB]BASPO beide Trainerinnen der rhythmischen Gymnastik fristlos entlassen. Der Prozess dauerte Monate und endete in einem Vergleich. Was damals nicht geschehen ist, ist die Aufarbeitung der bekannten Fälle von Turnerinnen und Turnern. Anfang 2019 hat das BASPO den STV erneut über gravierende Verfehlungen orientiert, aus Persönlichkeitsgründen aber keine Namen nennen können. Auch hat der STV das Gastrecht für die rhythmische Gymnastik in Magglingen verloren. Immerhin konnte eine Ersatzlösung in einer Halle in Biel gefunden werden. Es wurden dann zwar auch weitere Schritte eingeleitet, aber die Situation hat sich trotzdem zugespitzt, bis eben die Magglingen-Protokolle erschienen sind.
Im Frühjahr 2020 hat es weitere Vorwürfe zu Verstössen gegen die Ethik-Charta gegeben, und wiederum sind Trainerinnen aufgrund von internen Untersuchungen des STV entlassen worden. Der STV hat dann auch eine externe Untersuchung durch einen Rechtsanwalt eingeleitet. Dieser betreibt die Meldestelle von Swiss Olympic.
Es ist also durchaus etwas gemacht worden, aber es hat natürlich am Schluss doch nicht gereicht. Die Spitze des Eisberges ist nun endgültig aufgetaucht. Hinweise gab es ja schon länger. Ich erinnere Sie an das Buch unserer ehemaligen Spitzenturnerin Ariella Kaeslin, das ja bereits 2008 publiziert wurde und das eigentlich bereits genug Indizien enthalten hätte.
Vonseiten Swiss Olympic hat man das Ganze in diesem Sinne mitverfolgt. Es sind aber eben auch nicht die grossen Schritte passiert. Swiss Olympic ist der Dachverband des Schweizer Sports. Er hat uns auch seine Sicht der Dinge zum Thema Meldestelle dargestellt. Swiss Olympic entschied sich 2013, keine nationale Meldestelle einzurichten. Stattdessen wollte Swiss Olympic die Autonomie der Verbände [PAGE 1243] respektieren. Diese wurden aber ab 2016 mit einer Leistungsvereinbarung verpflichtet, einen Code of Conduct zu erstellen und eine eigene Meldestelle einzurichten. Die Verbände sind auch entsprechend bei der Erarbeitung des Code of Conduct durch Swiss Olympic unterstützt worden.
Schliesslich wollte man überprüfen, ob das gewählte System genügt oder optimiert werden müsste. Swiss Olympic hat dann im Frühling 2020, also noch bevor die neusten Fälle auftauchten, drei renommierte Kanzleien gebeten, Gutachten mit Empfehlungen zu erstellen. Diese Gutachten liegen inzwischen vor.
Nun haben wir natürlich auch gefragt, warum nicht mehr passiert oder vielleicht früher etwas passiert ist. Sie wissen es auch: Im Nachhinein ist man meistens schlauer. Aber es sind auf jeden Fall Absprachen und Analysen zwischen Swiss Olympic und dem Schweizerischen Turnverband gemacht worden. Ich gebe Ihnen auch noch ein paar Zahlen zu den jüngsten Untersuchungen, die eingeleitet worden sind. An einer anonymen Online-Befragung durch die zuständige Anwaltskanzlei nahmen über 370 Personen teil. Angeschrieben worden sind alle Athletinnen, die in den letzten acht Jahren in einem regionalen oder nationalen Leistungszentrum trainiert haben. Die Antworten kamen dabei von 117 Athletinnen, 147 Eltern, 26 Trainern und 72 Funktionären. Zudem sind 48 Interviews mit Direktbetroffenen geführt worden, die jeweils zwischen zwei und sechs Stunden gedauert haben sollen. Die Resultate der Befragung sind leider noch nicht bekannt. Sie werden aktuell von einer Expertengruppe diskutiert, und dieser Expertengruppe gehört auch alt Bundesrätin Calmy-Rey an.
Wir sind natürlich gespannt auf die Ergebnisse, wenn sie denn an die Öffentlichkeit kommen, und auf die Form, in welcher das geschieht. Gleichwohl wollte die Kommission eben nicht untätig bleiben. So ist es gekommen, dass wir uns entschieden haben, eine Motion zu machen, obwohl wir auch positiv zur Kenntnis nehmen durften, dass sehr viel passiert und in die Wege geleitet worden ist. Dies verdient durchaus auch Respekt. Die Kommission schlägt Ihnen also nun nach den Hearings mit Vertretern von STV, Swiss Olympic, aber auch dem Direktor des BASPO vor, die Motion trotzdem anzunehmen und eine unabhängige nationale Anlauf- oder Meldestelle aufzubauen oder zumindest in die Wege zu leiten.
Dieses kulturbedingte Systemversagen wird künftig wohl nie ganz verhindert werden können; Ziel ist primär, dass es zumindest minimiert wird. Die Trainingskultur soll so geändert werden, dass Missstände eher verhindert werden können. Daher begrüsst die Kommission auch ausdrücklich die bereits angelaufenen Bestrebungen zur Einhaltung der Ethik-Charta von Swiss Olympic sowie des Code of Conduct für Trainerinnen und Trainer sowie die eingeleitete Untersuchung zu den jüngsten Vorwürfen. Zur Unterstützung dieser Bestrebungen - so wollen wir es verstanden wissen - hat Ihre WBK dann aber mit 10 zu 3 Stimmen beschlossen, eine Motion einzureichen zur Schaffung einer unabhängigen Anlauf- oder Meldestelle für Opfer von Missständen im Sportbereich. Dies ist nämlich eine Erkenntnis: Es funktioniert nur, wenn die Sportlerinnen und Sportler nicht gleich aus einem Kader ausgeschlossen werden, nachdem sie sich irgendwo beschwert haben.
Die Spitze der Pyramide - das wissen wir - ist sehr, sehr dünn. Dort wird mit Ellbogeneinsatz und mitunter hart gekämpft. Es braucht zwar eine gesunde Härte gegenüber den Athletinnen und Athleten, das weiss man, aber trotzdem gibt es Grenzen. Dass diese Grenzen nicht mehr oder nicht mehr systematisch verletzt werden, dazu soll auch diese Motion einen Beitrag leisten.
Es gibt einen Minderheitsantrag, der von Kollege Stark begründet wird. Die Minderheit beantragt, auf die Einreichung einer Motion zu verzichten. Man muss sagen, dass dies an jenem Tag nicht traktandiert gewesen ist. Vielmehr resultierte dies im Anschluss an die Anhörungen wie auch die Überlegung, das zu unterstützen, was in die Wege geleitet worden ist. Man wollte dies für einmal nicht bürokratisch, sondern sehr direkt tun; diese Überlegung hat dann obsiegt.
Ich möchte mich bei den Kolleginnen und Kollegen der WBK, namentlich bei Kollegin Eva Herzog, ausdrücklich und herzlich für dieses Engagement und die Unterstützung bedanken. Bei Ihnen bedanke ich mich für Ihr Verständnis für das ungewöhnliche Vorgehen. Ich hoffe natürlich, dass Sie diese Motion gleichwohl annehmen. Damit könnte das Parlament für einmal zeigen, dass es auch rasch handeln kann.