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Amherd Viola · Bundesrat · 2020-12-10

Amherd Viola · Bundesrat · Wallis · 2020-12-10

Wortprotokoll

Ich war nach der Lektüre der Magglingen-Protokolle sehr betroffen. Es ist für mich unverständlich, dass in der Schweiz Trainingsmethoden angewendet werden, die eigentlich an längst vergangene Zeiten erinnern. Es verschlägt einem die Sprache, wenn man hört, dass Kinder und Jugendliche mit massivem psychischen Druck zu Höchstleistungen getrieben werden. Das darf nicht sein. Aus diesem Grund habe ich den Auftrag erteilt, eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle vorzunehmen, und bin froh, dass diese Untersuchung eine breite Unterstützung findet, wie es auch von Nationalrätin Umbricht Pieren dargelegt wurde. Die Resultate werden aber erst Mitte nächsten Jahres vorliegen und nicht schon Ende dieses Jahres. Der Bericht soll eine Aufarbeitung beinhalten, soll aber auch mögliche Instrumente vorschlagen, mit denen man in Zukunft solche Fälle verhindern kann.

Es ist uns klar, dass eine Meldestelle nicht ausreicht. Es braucht weitere Massnahmen. Ich denke beispielsweise an die Einführung eines Früherkennungssystems, damit man wirklich kontrollieren kann, ob die bestehende Ethik-Charta auch umgesetzt wird. In der Ausbildung von Trainerinnen und Trainern wird in diesem Bereich heute bereits viel gemacht. Die Frage ist nur, ob das reicht oder ob es nicht noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Es muss meines Erachtens auch geprüft werden, ob die Verbände nur nach sportlichen Erfolgen finanziert werden sollen. Heute ist das so. Aber ich frage mich: Gilt es nicht auch die Einhaltung von ethischen Grundsätzen zu bewerten? Ist es richtig, wenn einzig Medaillenränge darüber entscheiden, wie viel Geld ein Sportverband von Swiss Olympic erhält? Diese Fragen sollen ebenfalls Teil der Untersuchung sein.

Damit wir uns richtig verstehen: Spitzensport verlangt den vollen Einsatz. Athletinnen und Athleten müssen auf viele Annehmlichkeiten verzichten, die andere Gleichaltrige haben. Es darf jedoch nicht sein, dass diese Höchstleistung mit einer [PAGE 2440] unmenschlichen Trainingsgestaltung angestrebt wird. Kinder und Jugendliche müssen ihrem Alter entsprechend behandelt werden.

Wir unterstützen den Sport grosszügig mit staatlichen Mitteln. Das ist wichtig, denn der Sport hat vielfältige positive Wirkungen. Gerade deshalb erwarten wir aber, dass die in der Ethik-Charta des Schweizer Sports enthaltenen Werte respektiert werden und dass danach gelebt wird. In der Charta steht der zentrale Satz, dass die Massnahmen zur Erreichung von sportlichen Zielen weder die psychische noch die physische Integrität der Sportlerinnen und Sportler verletzen dürfen. Die Sportverbände sind gefordert, dieses Prinzip zu achten und danach zu handeln. Bei Missständen muss rasch eingegriffen werden.

Es ist für mich klar, dass es eine unabhängige Meldestelle braucht. Dieser Auffassung ist auch der Ständerat. Er hat eine gleichlautende Motion mit 26 zu 17 Stimmen angenommen. Das Bundesamt für Sport (BASPO) hat Swiss Olympic schon vor mehr als einem Jahr beauftragt, eine solche nationale Meldestelle aufzubauen. Die entsprechenden Arbeiten laufen. Die Motion Ihrer Kommission lässt offen, wie eine solche Stelle konkret aufgebaut werden soll. Das belässt uns den notwendigen Spielraum, um auch die Rolle des Bundes festzulegen. Es ist klar, dass der Bund, d. h. das BASPO, beim Aufbau der Stelle mitwirken und Unterstützung leisten muss.

Bis anhin hat es der Sport nicht geschafft, selbstständig eine solche nationale unabhängige Meldestelle zu installieren. Der Sport wollte zunächst, dass jeder Verband für sich eine Meldestelle aufbaut. Das machten zwar viele Verbände, jedoch längst nicht alle. Der Druck war bis anhin offenbar zu wenig gross. Wir sind der Meinung, dass Handlungsbedarf besteht. Die Kompetenzen einer Meldestelle sind festzulegen. Verfügt sie z. B. über Untersuchungsbefugnisse, oder kann sie nur Meldungen entgegennehmen? Letzteres würde wahrscheinlich nicht genügen. Ebenfalls zu klären ist die finanzielle Ausgestaltung einer solchen Stelle. Allenfalls sind auch die rechtlichen Grundlagen auf Bundesebene anzupassen. All diese Fragen sind in den nächsten Monaten zu analysieren und zu klären.

Die Motion schreibt nicht vor, wie die Finanzierung, wie die Organisation oder wie die Struktur einer solchen Meldestelle aussehen müsste. Swiss Olympic und das BASPO haben damit den nötigen Spielraum, eine sinnvolle Lösung zu suchen. Der Bundesrat ist überzeugt, dass es eine unabhängige Meldestelle braucht. Wir wollen diese Arbeiten fortführen.

Abschliessend kann ich sagen: Wie auch immer Ihr Rat jetzt entscheidet, ob die Motion angenommen oder abgelehnt wird, die Arbeiten sind am Laufen. Für uns ist klar, dass der Bund gemeinsam mit dem Sport, mit Swiss Olympic und damit mit den Verbänden, mit Hochdruck eine unabhängige Meldestelle schaffen muss. Ich habe mal als Ziel gegeben, dass diese Stelle am 1. Januar 2022 in Betrieb sein müsste. Dafür reicht es, wenn es keine gesetzlichen Anpassungen braucht. Sollte es aber gesetzliche Anpassungen brauchen, dann benötigten wir natürlich mehr Zeit für die Beratung im Parlament. Aber wir bleiben an der Arbeit. Ich persönlich bin sehr interessiert daran, dass wir hier gute Lösungen finden, gemeinsam mit dem Sport, und nicht nur etwas behördlich Verordnetes.