Weichelt-Picard Manuela · Nationalrat · 2021-05-05
Weichelt-Picard Manuela · Nationalrat · Zug · Grüne Fraktion · 2021-05-05
Wortprotokoll
Haben Sie gewusst, dass fast 1500 Mitmenschen auf ein Organ und über 100 Menschen auf eine Niere warten? Haben Sie gewusst, dass 75 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer zwar für eine Organspende sind, aber ihren Willen nicht schriftlich festhalten? Haben Sie gewusst, dass über 60 Prozent der Angehörigen die Organspende verweigern, da sie den Willen der verstorbenen Person nicht kennen? Wenn wir keine Kehrtwende herbeiführen, werden 2021 die Transplantationsaktivitäten um 20 Prozent einbrechen, sodass die Anzahl Personen auf den Wartelisten um knapp 10 Prozent steigen wird.
Eine Transplantation ist und soll ein persönlicher Entscheid bleiben. Ob wir für oder gegen Organtransplantationen sind: Jeder Entscheid hat immer auch einen ethischen Aspekt. Für einmal geht es hier nicht um Parteipolitik. Wir respektieren jeden Entscheid, unabhängig davon, ob er für oder gegen die Organspende getroffen wird. Den Grünen ist jedoch wichtig, dass der Wille festgehalten wird. Den Grünen ist wichtig, dass die Behörden alles unternehmen, damit der Wille festgehalten wird. Der Tod gehört genauso wie die Geburt zu unserem Leben. Wir müssen uns damit anfreunden, dass wir alle irgendwann sterben. Wir sind deshalb gut beraten, zu Lebzeiten zu entscheiden, ob wir dann bereit sind, unsere Organe zu spenden, und zwar für Menschen, die damit noch einige Jahre leben können.
Angehörige sollen, wenn immer möglich, nicht für eine verstorbene Person entscheiden müssen. In einem emotional [PAGE 839] äusserst anspruchsvollen Zeitpunkt sollen die Angehörigen nicht noch mit dieser Entscheidung belastet werden. Es ist in unser aller Verantwortung, dass wir uns zu Lebzeiten mit der Organspende auseinandersetzen und unseren Willen festhalten. Wir sollten diesen schwierigen Entscheid nicht unseren Angehörigen überlassen.
Den Grünen ist der würdevolle Umgang mit Organtransplantationen wichtig. Der Abschied von einem sterbenden Menschen ist enorm wichtig. Wir haben auch ein übergeordnetes öffentliches Interesse, dass sich mehr Personen dazu bekennen, ihre Organe zur Verfügung zu stellen. Die Organspende soll nicht daran scheitern, dass man sich nicht damit befasst und seinen Willen nicht kundgetan hat.
Die grüne Fraktion ist für eine erweiterte Widerspruchslösung. Wir Grünen wollen ein einfaches und praktikables System. Es muss auch auf einfache Art möglich sein, seine Meinung im Laufe des Lebens zu ändern. Die meisten Länder Europas haben heute Formen der Widerspruchslösung. Die Zeichen der Zeit sprechen für die Widerspruchslösung, sogar für eine erweiterte Widerspruchslösung, wie sie der Bundesrat beantragt und die SGK-N noch verbessert hat. Jüngst etwa hat auch Grossbritannien die Widerspruchslösung eingeführt und folgt damit Ländern wie Österreich, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal oder Belgien. Die Vorlage des Bundesrates ist nahezu unbestritten; das zeigt auch, dass in der Schweiz die Zeit für den nächsten Schritt reif ist.
Den Minderheitsantrag Herzog Verena lehnen wir ab. Über die Frage, wer ein Organ erhalten soll, soll nach Dringlichkeit entschieden werden und sicher nicht nach dem Kriterium, ob man selbst spendet oder nicht. Die Schwächsten sollen geschützt werden. Wer am dringendsten ein Organ braucht, soll es am schnellsten bekommen. Es gibt nicht wertvollere und weniger wertvolle Menschenleben. Die Grünen stehen für Solidarität mit denjenigen ein, die es am meisten brauchen.
Die grüne Fraktion beantragt Ihnen, den indirekten Gegenvorschlag mit den Anträgen der Mehrheit der SGK-N anzunehmen und auch der Initiative zuzustimmen. Besten Dank für Ihre Unterstützung - im Wissen darum, dass die Initiative bei Unterstützung des Gegenvorschlages, wie er von der SGK-N beantragt wird, zurückgezogen wird.