Mäder Jörg · Nationalrat · 2021-05-05
Mäder Jörg · Nationalrat · Zürich · Grünliberale Fraktion · 2021-05-05
Wortprotokoll
Die erste Herztransplantation fand 1967 statt, es war eine absolute Weltsensation. Heute, 54 Jahre später, reden wir von Angebot und Nachfrage. In der Schweiz hat es, wie in den meisten Ländern, weitaus mehr Menschen, die dringend ein Organ brauchen, als es Spender hat. Es geht wortwörtlich um Leben und Tod. Hinzu kommt, dass nur die Minderheit der aus medizinischer Sicht potenziellen Spender tatsächlich zu Spendern wird. Es sind weniger im Vergleich zu vielen anderen Ländern, speziell auch in Europa. Unnötiges Leiden, verfrühtes Sterben sind die Folgen. Der Druck ist also hoch, die Lösung naheliegend: mehr Spender, höhere Spendebereitschaft.
Das Thema ist jedoch heikel. Es geht um uns, um unseren eigenen Körper. Es sind nicht nur medizinische, technische, rationale Fragen, es geht auch um ethische und philosophische. Die Gefahr, falsch zu entscheiden, übermässig Druck auszuüben, Gutes zu wollen und das Gegenteil zu bewirken, scheint gross. Die Fallhöhe ist hoch. Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Fallhöhe wirklich so hoch ist. Ich kann Sie beruhigen: In der entscheidenden Frage, die die Initiative aufwirft, und im entscheidenden Artikel dieses Gesetzes ist die Fallhöhe nicht annähernd so hoch, wie viele denken, wie viele hier auch votiert haben.
Lassen Sie mich das erklären. Ich habe zu diesem Thema eine ganz klare Meinung. Ich habe diese auch schon diskutiert, mit meinem Vater, mit meinem Bruder. Ich bin auch gerne bereit, sie mit anderen hier zu diskutieren. Alle diejenigen Leute, die hier vorne sind und die speziell zur Initiative noch sprechen werden, haben eine klare Meinung, sonst wären sie nicht hier und würden nicht das Wort ergreifen. Es gibt auch draussen in der Bevölkerung sehr viele, die eine Meinung haben und die darüber diskutieren. Es gibt auch viele, die eine klare Meinung haben, aber nicht darüber diskutieren wollen. Für diese Leute gibt es unter anderem das Register. Wohlgemerkt: Das Register ist natürlich für alle da, aber speziell für diejenigen, die das Thema vielleicht nicht so offen wie wir hier diskutieren wollen.
Der entscheidende Wechsel beim Grundprinzip betrifft aber nicht diese Menschen, sondern diejenigen, die eben keine klare Meinung haben, die sich nicht äussern wollen oder können. Das ist der Kernpunkt der Volksinitiative, und das ist der Kernpunkt der Vorlage: Artikel 8 Absatz 3. Die Frage ist, wie wir mit den Leuten umgehen, die eben keine Antwort haben auf die Frage: Willst du Organspender sein oder nicht? Es ist immer heikel, wenn man für jemanden entscheidet, ohne seine Antwort zu kennen.
Doch bitte kehren Sie die Überlegung um: Das Fehlen einer Antwort ist der Ansatz für die Frage, was es bedeutet, wenn wir an ihrer Stelle entscheiden und, vor allem, wenn wir an ihrer Stelle falsch entscheiden. Würde jetzt jemand meinen Willen missachten - ich bin Organspender - und meine Organe nicht spenden, wäre ich, abgesehen davon, dass ich dann schon tot wäre, entsetzt. Den meisten, die jetzt hier vorne stehen, würde es ähnlich gehen, in die eine oder die andere Richtung. Der Fakt aber, dass diese Leute eben keine Antwort gegeben haben, zeigt, welche posthume Antwort sie geben würden, würde man ihren Willen missachten. Sie würde nach dem Motto lauten: "Oh, okay, ja dann, es gibt Schlimmeres."
Das müssen wir beachten. Die entscheidende Frage der Initiative und dieser Vorlage betrifft Leute, die wahrscheinlich nicht so viel Gewicht auf diese Frage legen. Wir haben heute von der körperlichen Unversehrtheit gehört. Bitte beachten Sie, dass es viele Leute gibt, die diese Frage der körperlichen Unversehrtheit wahrscheinlich anders beantworten, je nachdem, ob es um einen lebenden oder einen toten Körper geht. Bitte beachten Sie, dass diese Frage, auf die wir hier ein grosses Gewicht legen, nicht bei allen das gleiche Gewicht hat. Die Fallhöhe ist in diesen Fällen nicht so hoch.
Ich glaube, wenn man sich diese Überlegung macht, kann man guten Mutes Ja zur Initiative, Ja zur Vorlage und insbesondere Ja zum Minderheitsantrag II (Nantermod) in Artikel 8 Absatz 3 sagen. Der Default für Leute, denen diese Frage nicht so wichtig ist, so unwichtig, dass sie sie nicht beantworten wollen, sollte "Ja" sein; es sind Organspender. Da draussen gibt es sehr viele Leute, die auf unsere Antwort zu diesem Gesetz warten. Sie warten und hoffen. Wir sollten diese Leute nicht enttäuschen.
Sagen Sie Ja zur Initiative, zur Vorlage und insbesondere zur Minderheit II (Nantermod) bei Artikel 8 Absatz 3.