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Munz Martina · Nationalrat · 2021-05-05

Munz Martina · Nationalrat · Schaffhausen · Sozialdemokratische Fraktion · 2021-05-05

Wortprotokoll

Die Motion Heim "Homo mensura. Der Mann, das Mass in Forschung und Medizin?" fordert, dass der geschlechtsspezifischen Medizin nachweislich Rechnung zu tragen sei. "Homo mensura" wird oft übersetzt mit: "Der Mann ist das Mass aller Dinge." Gemeint wäre aber: "Der Mensch ist das Mass aller Dinge", und da wären doch wir Frauen mitgemeint. Doch mitgemeint heisst nicht mitberücksichtigt. Gerade in der Medizin ist das Mass aller Dinge oft der Mann - mit fatalen Folgen für die Frauen.

Auch das Genom ist nicht das Mass aller Dinge. Frauen und Männer haben zwar eine praktisch identische DNA, ein Grossteil der Gene wird aber unterschiedlich exprimiert. Körpergrösse und Gewicht, Muskelmasse, Körperfett und Wasseranteil sind geschlechtsabhängig - mit Folgen für die Medizin. Die "Schweizerische Ärztezeitung", die allerdings der Weiblichkeit des Medizinberufes in ihrem Namen auch nicht Rechnung trägt, führte folgende Fakten auf: Männer und Frauen unterscheiden sich bei Prävalenz, Manifestation und Verlauf von Krankheiten. In vielen medizinischen Studien werden aber Frauen ignoriert oder sind deutlich unterrepräsentiert. In der Grundlagenforschung werden nur 5 Prozent der Forschungsarbeiten an weiblichen Zellen durchgeführt.

Nach wie vor gilt in der Medizin der Mann als Prototyp. Symptome beim männlichen Patienten gelten als typisch, während sie bei Frauen als atypisch bezeichnet werden, so zum Beispiel beim Herzinfarkt. Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie des Zürcher Stadtspitals Triemli zögern Frauen bei einem Herzinfarkt länger, bis sie medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, weil bei Frauen häufig andere Symptome auftreten. Dieser fatale Zeitverlust führt zu einer deutlich höheren Sterblichkeit. Ein anderes Beispiel ist das Schlafmittel Zolpidem. Die Dosierung wurde erst angepasst, als sich morgendliche Autounfälle von Frauen nach der Einnahme des Medikamentes häuften. Aber auch Männer können durch die fehlende Differenzierung benachteiligt sein, so zum[NB]Beispiel[NB]bei[NB]der[NB]Osteoporose, die als typische Frauenkrankheit gilt.

So klar die Forderung nach einer geschlechtsbezogenen Forschung und Behandlung ist, so schleppend verläuft ihre Umsetzung. Im Zeitalter der personalisierten Präzisionsmedizin werden bereits Therapiekonzepte auf einzelne Gene abgestimmt. Gleichzeitig wird aber der Unterschied zwischen Mann und Frau kaum berücksichtigt. In der Lehre wird der Faktor Geschlecht ebenfalls kaum wahrgenommen. Es fehlen Konzepte zur besseren inhaltlichen und strukturellen Verankerung.

Der Bundesrat ist sich der Problematik zwar bewusst und ist an der Ausarbeitung des Berichtes zum Postulat Fehlmann Rielle 19.3910. Der Bericht soll als Grundlage für konkrete Massnahmen mit verschiedenen Akteuren dienen. Das ausgewiesene Sparpotenzial beläuft sich allein schon bei der Osteoporose auf Hunderte von Millionen Franken pro Jahr. Ich bitte den Bundesrat: Nutzen Sie dieses Sparpotenzial und [PAGE 879] zeigen Sie die weiteren konkreten Massnahmen auf. Ich hoffe, der Bericht wird bald erscheinen.

Der Bundesrat schreibt allerdings in der Beantwortung der vorliegenden Motion: "Die Kompetenz für die Umsetzung allfälliger Massnahmen liegt jedoch grösstenteils nicht beim Bund [...]." Damit unterminiert der Bund seine Stellung und ignoriert das gesellschaftlich geänderte Werteverhältnis. Dazu nochmals ein Zitat aus der "Schweizerischen Ärztezeitung": "Es ist offensichtlich, dass eine Effektivitätssteigerung im Gesundheitssystem nur dann erzielt werden kann, wenn auf die Bedürfnisse des einzelnen Menschen eingegangen wird."

Ich bitte den Bundesrat, alles in seiner Macht und Kompetenz Stehende zu unternehmen, um der genderspezifischen Medizin zum Durchbruch zu verhelfen. Ich danke Ihnen für die Annahme der Motion.