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Streiff-Feller Marianne · Nationalrat · 2021-06-09

Streiff-Feller Marianne · Nationalrat · Bern · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2021-06-09

Wortprotokoll

In meiner Motion fordere ich den Bundesrat auf, ein Konzept für ein "Frauenmuseum" oder ein "Haus der Frauengeschichte" ausarbeiten zu lassen.

Der Bundesrat schreibt in seiner Stellungnahme zu meiner Motion, dass er die Gleichstellung von Frauen und Männern im Bereich der Kultur als wichtig erachtet. Allerdings scheint hier ein Missverständnis zu bestehen. Meine Motion betrifft nicht nur den Kulturbereich. Es geht auch nicht nur darum, die Chancengleichheit im Kulturbereich für die Zukunft zu verbessern. Es geht vielmehr darum, die Geschichte, die soziale Stellung, das Lebensumfeld der Frauen und ihr Ringen um die Bewusstwerdung als Menschen und politische Wesen und damit auch ihre selbstständige Einflussnahme sichtbar zu machen. Geschichte wurde in der Vergangenheit grösstenteils von Männern über Männer geschrieben.

Der Bundesrat erwähnt in seiner Stellungnahme unterschiedliche Projekte. Allerdings entsprechen die erwähnten Projekte nicht dem, was in einem "Haus der Frauengeschichte" erarbeitet und dargestellt werden soll. Ich will dies hier nur kurz ausführen: Die Dauerausstellung des Schweizerischen Nationalmuseums zeigt nach wie vor eine von männlichen Vorstellungen geprägte Schweiz. Das bereits im Eingang suggerierte Bild einer Schweiz als wehrhafter Igel wird nicht mit den Lebensumständen und unterschiedlichen Rollen der Frauen ergänzt.

Wie werden Frauen dort dargestellt? Durch das Ausstellen von Kleidern! Das empfinde ich fast als Hohn. Inwiefern wird dadurch das Wirken von Frauen sichtbar?

Der Bundesrat erwähnt auch noch die Wechselausstellung zu ausgewählten religiösen Frauen. Dies zeigt und würdigt noch in keiner Weise das Wirken und die Lebensbedingungen der Frauen in den Klöstern. Durch die Auflösung mehrerer Frauenklöster droht derzeit ein gänzliches Verschwinden von dort gelebten Frauenleben, von deren Habe und somit auch von deren Spuren.

Dieses Jahr wird im Schweizerischen Nationalmuseum dem Thema Frauenstimmrecht eine Sonderausstellung gewidmet. [PAGE 1226] Die Ausstellung ist wunderbar gelungen und kann gerne weiterempfohlen werden. Es enttäuscht jedoch, dass die Aufarbeitung dieser Fragen für eine Sonderausstellung vorgesehen wurde. Das harte politische Ringen um das Frauenstimmrecht und um die Gleichstellung wird so als Sonderfall gesehen und nicht als Teil der Schweizer Geschichte. Der Kampf ums Frauenstimmrecht war ein historischer Prozess, an dem viele Frauen und Männer beteiligt waren. Das gehört in die Dauerausstellung.

Dass dort auch nicht dargelegt wird, dass die Schweiz den Frauen bis 1971 das Stimmrecht verweigerte und dadurch eigene Meinungsbildung, Einflussnahme und Stellungnahmen verunmöglichte, ist ein Zeichen dafür, dass die Problematik noch nicht als solche erkannt worden ist. Über Jahrhunderte mussten Frauen in der Schweiz es zulassen, dass wegen männlicher Überlegenheitsvorstellungen über sie, ihr Leben und ihre Lebensumstände, ihr Geld, ihre Sexualität und ihre Kinder verfügt wurde. Auch das ist ein Teil der Schweizer Geschichte.

Meine Motion will nicht, dass der Bundesrat ein Frauenmuseum gründet. Der Bund wird gebeten, seine Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, um unter Einbezug der interessierten Kreise ein professionelles Konzept zu erarbeiten. Eine konstruktive Mitwirkung des Bundes bei der Erarbeitung des Konzeptes würde die Chancen für eine anschliessende Verwirklichung wesentlich erhöhen.

Ich danke Ihnen für die Annahme der Motion!