Aebi Andreas · Nationalrat · 2021-09-14
Aebi Andreas · Nationalrat · Bern · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2021-09-14
Wortprotokoll
Vorgestern, am 12.[NB]September, feierte die moderne Schweiz ihren 173. Geburtstag. Am 12. September 1848 gab sich die Eidgenossenschaft ihr erstes Grundgesetz. Die originalgetreue Kopie der ersten Bundesverfassung können Sie sich in der Vitrine in der Eingangshalle vor den drei Eidgenossen anschauen. Dort liegen für Sie Büchlein mit dem ursprünglichen Text auf. Bitte bedienen Sie sich, und lesen Sie ihn.
Die Verfassung von 1848 ist ein Meisterstück. Sie baute auf den Willen zur Toleranz und zum Zusammenhalt. Sie trug wesentlich zur Versöhnung zwischen den Konfliktparteien des Sonderbundskrieges bei. Die Verfassungsväter setzten eine Idee durch, die beide Konfliktparteien mit ins Boot holte: Sie schlugen ein Zweikammersystem nach US-amerikanischem Vorbild vor. Nationalrat und Ständerat waren geboren: zwei Kammern, mit gleichen Rechten und gleichen Kompetenzen ausgestattet.
Als sein Nachfolger hat es mich interessiert, welches die Botschaft des allerersten Nationalratspräsidenten, des Berners Ulrich Ochsenbein, war. Mit Bezug zum Sonderbundskrieg sagte er in seiner Eröffnungsrede im Nationalrat: "Die neue [PAGE 1574] Verfassung ist nur die Schale, welche den Keim zu einer schönen und herrlichen Pflanze bringt." Weiter sagte er: "Öffnen wir dem freien Verkehr Tor und Schleusen, suchen wir die Gewerbe zu einer schöneren Blüte hinaufzuheben, die jetzt darniederliegen." Der radikal-liberale Ochsenbein warnte zugleich vor der Hydra, der mehrköpfigen Schlange aus der griechischen Mythologie, die 1847 besiegt wurde und erneut Zwietracht zu säen versuchte. Er sagte: "Zertreten wir ihr gleich kräftig den Kopf."
Die Sätze Ochsenbeins haben mich nachdenklich gemacht. Sind wir heute bisweilen nicht auch daran, die böse Schlange Hydra heraufzubeschwören, statt sie zu zerstampfen? Graben wir nicht tiefer, statt die Gräben zuzuschütten?
Damit unser erprobtes politisches System Bestand haben kann, braucht es Zusammenhalt. Zusammenhalt bedingt Kompromisse. Mein Appell an Sie: Hören wir auf, an der Empörungskultur teilzunehmen, beschränken wir uns auf den sachlichen Schlagabtausch. Ich bin überzeugt, wir werden zufriedener und zuversichtlicher die Zukunft unseres Landes gestalten.