Rytz Regula · Nationalrat · 2021-12-14
Rytz Regula · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2021-12-14
Wortprotokoll
Die schweizerische Land- und Ernährungswirtschaft steht vor grossen Herausforderungen. Die zunehmende Globalisierung der Produktions- und Handelsketten zwingt auch die Bäuerinnen und Bauern in der Schweiz dazu, immer billiger und effizienter zu produzieren. Die Rechnung dafür bezahlen auch die Nutztiere, z. B. die Masthühner. Nur 7 Prozent der Masthühner in der Schweiz sehen jemals die Sonne. Die anderen sind in ihrem sehr kurzen Leben in Masthallen mit 12[NB]000 oder mehr Tieren eingesperrt. Rund 4 Prozent aller Masthühner verenden schon vor dem Schlachthoftermin an Krankheiten oder an Schwäche.
Diese Situation hat nichts mit der Idylle zu tun, die uns die mit Steuergeldern bezahlte Fleisch- und Milchproduktewerbung heute verspricht. Es sind die kleinen Höfe, in denen die Tiere tatsächlich Familienanschluss haben, wie das Markus Ritter gerne erzählt. Es gibt auch viele Bäuerinnen und Bauern, die bewusst wenig Tiere halten oder in Label-Qualität produzieren. Sie machen genau das, was die Bevölkerung von ihnen erwartet. Aber das ist eher die Ausnahme als die Norm. In einem Schweizer Schweinemastbetrieb mit 1500 Tieren ist es schwierig, von Familienmitgliedern zu reden. Auch die Millionen Legehennen und Masthühner in der Schweiz werden kaum als Individuen wahrgenommen.
Es ist deshalb höchste Zeit, dass wir die Diskussion über die Nutztierhaltung in der Schweiz so führen, wie sie die Tiere, die für uns leben und sterben, auch verdienen, nämlich ehrlich und ungeschminkt. Wo Tierwohl draufsteht, muss auch Tierwohl drin sein. Das ist das Ziel der Massentierhaltungs-Initiative, die wir heute diskutieren. Sie stellt die Nutzung von Tieren für die menschliche Ernährung nicht infrage, aber sie will, dass die Würde der Tiere stärker respektiert wird: bei der Unterbringung und Pflege, dem Zugang ins Freie oder der Schlachtung und der maximalen Gruppengrösse pro Stall. Das sei alles nicht nötig, werden wir nachher noch sehr oft hören und haben wir schon gehört, denn die Lebensbedingungen der Nutztiere in der Schweiz seien heute generell viel besser als in den europäischen Nachbarländern. Das stimmt, die Bevölkerung in der Schweiz hat ein Herz für die Tiere und war deshalb immer bereit, Massnahmen für das Tierwohl mit Direktzahlungen zu unterstützen.
Trotzdem ist es um das Tierwohl in der Schweiz nicht einfach gut bestellt. Nehmen wir zum Beispiel die Schweinehaltung: Wissen Sie, wie viel Platz ein über hundert Kilo schweres Schwein in der Schweiz heute im Minimum zur Verfügung hat? Nicht einmal einen Quadratmeter! Auf der Fläche eines Autoparkplatzes können also zehn Schweine eingepfercht werden! In Deutschland ist es noch schlimmer, werden Sie sagen, dort haben die Schweine noch weniger Platz zur Verfügung. Das stimmt, die Tierschutzorganisationen haben ausgerechnet, dass ein Schwein in der Schweiz gegenüber einem Schwein in Deutschland eine Zusatzfläche in der Grösse eines Taschentuchs belegen kann. Das macht aber den Braten nicht wirklich feiss, kann man da nur sagen. Tatsache ist, dass Schweine hüben und drüben nicht überall artgerecht gehalten werden müssen. Viele von ihnen haben keinen Auslauf, leben auf Betonböden oder bis zu zehn Tage lang unbeweglich in einem Kastenstand. Es wäre ehrlich, genau dieses Bild auf die Etikette der Salami zu kleben, aber das tun Sie nicht, weil Sie wissen, was das bedeutet.
Der Bundesrat, der Schweizer Tierschutz, die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte, die Swiss Retail Federation und viele andere Organisationen sagen deshalb klar, dass beim Tierschutz Handlungsbedarf besteht - auch in der Schweiz. Es ist deshalb wirklich nicht verständlich, warum der Bauernverband nicht dabei hilft, diese Verbesserungen einzuführen, und zwar so, dass die Bäuerinnen und Bauern unterstützt werden, wenn Veränderungen nötig sind.
Sie wissen doch alle, dass sich die Welt in den nächsten 25 Jahren verändern wird, das ist schon heute klar. Die Klimakrise wird die Bedingungen für die Tierhaltung auch in der Schweiz verändern, und neue Ernährungsgewohnheiten bringen immer mehr Alternativen zu tierischen Produkten auf den Markt. Die Massentierhaltungs-Initiative und auch die beiden Gegenvorschläge sind deshalb eine Einladung an die Bäuerinnen und Bauern, die Weichen zusammen mit den Konsumentinnen und Konsumenten und dem Handel neu zu stellen, in Richtung Zukunft und in Richtung Nachhaltigkeit, und zwar nicht in einer Hauruckübung, sondern mit einem 25-jährigen Zeithorizont. Es geht um 25 Jahre, in denen die Bauern und Bäuerinnen Zeit haben, die Infrastruktur, die Ställe und die Normen anzupassen. Dabei werden sie auch in Zukunft mit Direktzahlungen unterstützt.
Ganz zum Schluss noch ein Punkt, der immer wieder kommt, nämlich der Umstand, dass mit der Initiative neu der Biostandard verpflichtend sein wird: Es ist ganz klar, dass hier steht, dass man sich am Biostandard orientieren muss, also am Ziel, dass die Tiere Auslauf haben, artgerecht gehalten werden. Es sind aber nicht die Biorichtlinien, die neu die Tierschutzbedingungen in der Schweiz definieren.
Unterstützen Sie deshalb das Ja zur Initiative, und sagen Sie Ja zu mehr Tierwohl in der Schweiz!