Lohr Christian · Nationalrat · 2021-12-15
Lohr Christian · Nationalrat · Thurgau · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2021-12-15
Wortprotokoll
Will ich, dass Tiere leiden? Nein, selbstverständlich will ich das nicht. Trotzdem esse ich zwischendurch gerne mal ein Stück Fleisch, ganz nach dem Motto "Weniger ist mehr". Ich trinke auch ganz bewusst Milch und esse Eier, ich achte dabei aber darauf, dass diese Lebensmittel aus Schweizer Produktion und am besten natürlich aus der Ostschweiz stammen. Denn dazu habe ich Vertrauen.
Unser Tierschutzgesetz ist wohl das strengste auf der Welt. Als einziges Land kennen wir eine Obergrenze bei den Beständen von Hühnern, Schweinen oder Kälbern. Dank der freiwilligen Tierwohlprogramme BTS, "Besonders tierfreundliche Stallhaltung", und RAUS, "Regelmässiger Auslauf im Freien", haben alle Schweizer Hühner einen Wintergarten und 85 Prozent der Legehennen Weidezugang. Wenn wir ins Ausland schauen, ja, dann dürfen wir eigentlich das Wort "Massentierhaltung" sowieso gar nicht in den Mund nehmen, wenn wir von unseren Schweizer Verhältnissen sprechen.
Die Massentierhaltungs-Initiative will für alle Nutztiere den Biostandard in der Haltung einführen. Dieses Angebot gibt es bereits heute. Der Bioanteil bei den verkauften Poulets beispielsweise beträgt aktuell weniger als 3 Prozent. Konsumentinnen und Konsumenten ist das offensichtlich gar nicht so wichtig, mitunter wohl auch deswegen, weil sie es sich nicht leisten können. Nun soll also noch mehr "Bio" reinkommen, und das nur für die Bessergestellten, während die anderen verzichten sollen? Das kann ich nicht unterstützen, das will ich nicht unterstützen!
Die anderen wollen nicht einfach verzichten, sie sollen auch das Recht haben. Zu einer freien Gesellschaft gehört eben auch die Wahlfreiheit. Wie eingangs erwähnt, erachte ich die normale Schweizer Produktion als tiergerecht, sodass ich ohne schlechtes Gewissen einkaufen kann. Für mich ist die Massentierhaltungs-Initiative unnötig und ein Angebotsdiktat für die Konsumentinnen und Konsumenten.
Bewusst möchte ich mich noch zu einem anderen Punkt äussern, der mir als Vertreter des Grenzkantons Thurgau, der in Kreuzlingen einen Kilometer von der deutschen Grenze entfernt lebt, besonders ins Auge bzw. ins Herz sticht: Wenn wir mit einer Verschärfung der Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass durch den erhöhten Fleischpreis die Flucht in den Einkaufstourismus wieder gestärkt wird, hat das für mich etwas - entschuldigen Sie die direkte Äusserung der Begriffe - mit Verlogenheit und mit Unredlichkeit zu tun. Fairness gegenüber allen ist auch hier angesagt.
Zum Schluss noch ein Wort zum direkten Gegenentwurf des Bundesrates und zum Antrag auf Rückweisung: Ich sehe Letzteren hier nicht als notwendig an. Ich bin sehr wohl dafür, dass wir dort, wo Handlungsbedarf besteht, etwas unternehmen. Wir müssen die Energie aber dort investieren, wo es besonders nötig ist, nicht mehr und nicht weniger.
Deshalb werde ich überall der Mehrheit folgen.