Gugger Niklaus-Samuel · Nationalrat · 2022-09-20
Gugger Niklaus-Samuel · Nationalrat · Zürich · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2022-09-20
Wortprotokoll
Zunächst möchte ich meine Interessenbindung offenlegen: Ich bin Vizepräsident von Birdlife Schweiz.
Nun aber zum Thema "Jugend und Nachhaltigkeit": Wir Eltern ermutigen unsere Kinder oft, aus den eigenen Fehlern zu lernen, und dann schauen wir stolz zu, wie sie daran wachsen und sich entwickeln. Diese Fähigkeit scheint mit der Zeit aber schwächer zu werden, manchmal sogar ganz zu verschwinden. So beginnt das Parlament erst jetzt, fünfzig Jahre nach der ersten Weltklimakonferenz in Genf, ambitionierte Massnahmen für den Klimaschutz und die Energiewende zu ergreifen. Zum Thema Biodiversität hat vor genau dreissig Jahren die Konferenz von Rio stattgefunden, die zeigte, dass wir dringend für die biologische Vielfalt, für unsere Lebensgrundlage, handeln müssen. Auch da haben wir viel zu wenig gemacht, sodass wir nun in einer eigentlichen Biodiversitätskrise stecken. Es scheint, dass wir nicht nur aus unseren Fehlern nichts lernen wollen, sondern sogar darauf hinarbeiten, alles noch viel schlimmer zu machen, indem wir die eine Krise auf Kosten der anderen lösen wollen: Klimakrise gegen Biodiversitätskrise. Dabei wissen wir alle, dass es nur Hand in Hand geht, wenn unsere Erde wieder enkeltauglich werden soll.
Die Weltgemeinschaft warnt schon lange vor den Folgen der Biodiversitätskrise. Laut Wissenschaft werden uns ihre Folgen ebenso hart treffen wie jene der Klimakrise, wenn jetzt nicht entschlossen Gegensteuer gegeben wird. Lernen wir also aus unseren Fehlern und warten wir beim Biodiversitätsschutz nicht länger zu! Schieben wir uns nicht weiterhin gegenseitig die Schuld für den Biodiversitätsverlust in die Schuhe, beschliessen wir vielmehr eine Lösung für diese Krise, zum Beispiel mit einem gutschweizerischen Kompromiss. Das sind wir unseren Kindern schuldig, zumal schnelles Handeln wirksamer und billiger ist als Zögern und Zaudern!
Der Kompromissantrag der Minderheit II (Jauslin) - Sie haben es vorgestern in der Sonntagspresse gelesen - tut genau das: Er geht die Biodiversitätskrise und die Klimakrise [PAGE 1550] entschlossen an und berücksichtigt gleichzeitig die Ernährungs- und Versorgungssicherheit. Die vorgesehenen Biodiversitätsgebiete sichern bestehende Naturwerte, sorgen dafür, dass diese Werte gepflegt und gefördert werden können, und erlauben gleichzeitig eine Produktion von Nahrungsmitteln und Energie. Mit dieser Art von Kompromissen können wir beim Biodiversitätsschutz vorwärtskommen und wieder enkeltauglich werden. Es geht nämlich nicht darum, das Überleben einiger Schmetterlinge und Vögel zu sichern; es geht vielmehr darum, dafür zu sorgen, dass es unseren Wäldern, unseren Böden, unseren Gewässern und unserer Luft, die ja unsere Lebensgrundlage sind, wieder gutgeht. Dass die Insekten sterben, ist vor allem ein Ausdruck davon, wie schlecht es um diese Lebensgrundlagen bereits bestellt ist und wie dringend wir gute Lösungen brauchen.
Ich bitte Sie deshalb, einem guten Gegenvorschlag und insbesondere dem Antrag der Minderheit II (Jauslin) zuzustimmen. Ich bitte Sie, damit dem Ständerat unsere klare Erwartung zu übermitteln: Wir wollen aus Fehlern lernen und daran wachsen. Zaudern wir nämlich heute, kostet es uns morgen umso mehr.