Strahm Rudolf · Nationalrat · 2000-03-24
Strahm Rudolf · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2000-03-24
Wortprotokoll
Es geht bei meiner Parlamentarischen Initiative um die Informatikerausbildung. Ich bin dankbar, dass von der KVF grossmehrheitlich empfohlen wird, meiner Parlamentarischen Initiative Folge zu geben. Ich möchte gleich vorausschicken, dass ich meinerseits auch die anschliessend zu behandelnde Motion der KVF (00.3005) unterstütze, die ursprünglich von Herrn Theiler von der FDP-Fraktion stammt. Die beiden Vorstösse ergänzen sich.
Ich gehe bei meinem Vorstoss von folgendem Tatbestand aus: Wir haben im Informatik- und Telekom-Bereich neue Anbieter, neue Firmen, die dynamisch sind, aber sehr oft oder meistens keine Lehrstellen anbieten. So haben wir z. B. im Telekom-Bereich folgende Situation: Die alte Swisscom bildet heute noch 760 Lehrlinge aus, die Mehrheit davon im Informatik- und Elektronikbereich. Hingegen haben die neuen Anbieter Diax, Sunrise und Orange bisher praktisch keine Lehrlinge ausgebildet. Sie haben allerdings, das ist ihnen zugute zu halten, in Aussicht gestellt, dass sie das später auch tun wollen. Sie sind also Trittbrettfahrer; sie werben anderen Firmen die Informatiker ab; sie profitieren von den hohen Ausbildungskosten, die andere Anbieter, eben z. B. traditionelle Unternehmen, aufgewendet haben.
Die Lehrlingsausbildung im Hightech-Bereich - nicht nur dort, aber vor allem dort - ist recht teuer, und das heutige Konkurrenzsystem zwingt die Betriebe zur Kosteneinsparung. Wenn man schon sparen muss, kommt das Ausbildungswesen zu kurz.
Wenn es so weitergeht, dass die neuen Anbieter im Hightech-Bereich keine eigenen Ausbildungsanstrengungen unternehmen, keine Lehrstellen mehr zur Verfügung stellen, dann geht das Dualsystem, das in der Schweiz stark [PAGE 443] ausgeprägt ist, kaputt. Entweder werden die Leute dann nur noch ab Maturität rekrutiert, oder es kommt der Ruf nach Rekrutierung von ausgebildeten Fachkräften im Ausland.
Die Ziele meiner Parlamentarischen Initiative sind folgende: Durch eine kleine Ergänzung im Fernmeldegesetz, dann aber allenfalls auch im Post- und im Eisenbahngesetz, soll eine Ausbildungsverpflichtung als Konzessionsvoraussetzung aufgenommen werden. Wir haben schon heute Konzessionsvoraussetzungen, z. B. die Einhaltung der örtlichen Arbeitsbedingungen, und wir möchten jetzt - ähnlich, wie das im Submissionswesen, im Binnenmarktgesetz, der Fall ist - mit einer Kann-Formel auch die Möglichkeit einführen, dass die Konzessionsbetriebe eine Ausbildungsverpflichtung einhalten müssen; das als Standard, sozusagen als "state of the art" für die Branche. Dies setzt auch ein Signal für neue Anbieter.
Als praktisch einziges Mitglied der Kommission möchte Frau Polla diese Verpflichtung nicht. Sie sprach in der Kommission von "Zwang" für die Anbieter; es ist aber kein Zwang, sondern nur eine Konzessionsvoraussetzung, wie wir es beim Submissionswesen auch kennen, wo eine Firma bestimmte Anforderungen erfüllen muss. Vielleicht ist Frau Polla sehr stark vom Genfer Ausbildungsmodell geprägt; in Genf haben wir eine fast vierzigprozentige Maturitätsquote bei den Jugendlichen - aber auch die höchste Jugendarbeitslosigkeit. Das ist nicht unbedingt vorbildlich.
Ich möchte zum Schluss etwas zur generellen Debatte über den Informatikermangel sagen. Wir erleben jetzt einen sehr schnellen Strukturwandel: von der Analog- zur Digitaltechnik, vom kaufmännischen Handel zum E-Commerce, vom Bankbeamten zum E-Banking; Unternehmen der Maschinenindustrie wandeln sich zu Technologiekonzernen. Wir müssen davon ausgehen, dass wir neben der Grundausbildung - neben Lehrstellen - auch Umschulung brauchen: Auch Dreissig- und Vierzigjährige müssen noch die Gelegenheit zur Umschulung haben. Die nächste Forderung - die mit vier Vorstössen aus den Fraktionen der vier Bundesratsparteien schon im Raum steht - wird sein, dass der Bund auch für Quereinsteiger und für die Umschulung von Leuten im Informatikbereich mehr tun muss.
Abschliessend bitte ich Sie, meiner Parlamentarischen Initiative Folge zu geben, wie es die Kommission beantragt. Ich bitte Sie, auch die Motion der KVF - die ursprünglich von Herrn Theiler stammt - zu überweisen. Als nächsten Schritt müssen wir auch die Frage der Umschulung der Fachleute angehen; diese Frage ist noch nicht gelöst. Wenn Sie der Parlamentarischen Initiative Folge geben und die Motion überweisen, ist das für die Branche ein Zeichen, dass es zum Standard einer guten Firma gehört, auch Lehrstellen, Aus- und Weiterbildungsplätze, anzubieten.