Feri Yvonne · Nationalrat · 2023-03-01
Feri Yvonne · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2023-03-01
Wortprotokoll
"Männer dürfen älter werden, Frauen werden alt gemacht!" Das schreibt die Journalistin Bascha Mika. Mit dieser Aussage beschreibt sie den gesellschaftlichen Blick auf alternde Frauen, der weitaus verachtender ist als jener auf alternde Männer - mit realen Auswirkungen.
Wenn Frauen älter werden, wird das mit körperlichem Verfall assoziiert. Damit wird der Körper der Frau, die ganze Frau abgewertet. Bei der Altersdiskriminierung von Frauen geht es auch um Arbeitsdiskriminierung. Für viele Frauen über fünfzig sind die beruflichen Aufstiegschancen gleich null, während Männer noch mit siebzig in Aufsichtsräte berufen oder zum Präsidenten gewählt werden. Laut einer Studie aus den USA erhalten Frauen unter 45 doppelt so häufig eine Einladung zum Bewerbungsgespräch wie Frauen, die dieses Alter überschritten haben.
Wenn Frauen Ende vierzig sind, ist die Jobsuche schwierig. Wenn sie einen finden, dann häufig nur in Teilzeit, was sich wiederum negativ auf die Rente auswirkt. Besonders zu spüren ist die Altersdiskriminierung nach der Pensionierung, denn Frauen sind besonders stark von Altersarmut gefährdet: Der Schweizer Altersmonitor 2022 von Pro Senectute zeigt, dass Frauen doppelt so oft von Altersarmut betroffen sind wie Männer. Dies liegt daran, dass die meisten Männer dieser Generation bis zur Pensionierung mit einem hohen Pensum erwerbstätig waren, während sich die Frauen um Haushalt und Kinder kümmerten und wenn, dann nur Lohnarbeit in einer Teilzeitanstellung verrichteten und somit keine oder eine sehr niedrige Rente aus der zweiten Säule erhalten. Wir haben in dieser Session schon genug darüber gesprochen.
Ageismus, also die Altersfeindlichkeit oder die negative Wahrnehmung und Stigmatisierung des Älterwerdens und Altseins, überkreuzt sich mit Sexismus, von dem Frauen ohnehin betroffen sind. Wie das Älterwerden und Altsein mit dem Geschlecht zusammenhängt, muss deshalb dringend erforscht werden. Denn Daten darüber, wie die Diskriminierung wirklich aussieht, was ältere Frauen erleben, wer betroffen ist und welche Massnahmen getroffen werden müssen, um genderspezifischer Gewalt im Alter vorzubeugen, sind in der Schweiz unauffindbar.
Der Bundesrat zeigt in seiner Stellungnahme vom 12. Mai 2021 ausschliesslich auf, welche staatlichen Aktivitäten in den Bereichen Altersdiskriminierung und Gleichstellung von Frauen separat getätigt werden. Es findet sich keine kombinierte Betrachtungsweise.
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates und verschliesst somit die Augen vor der Realität. Es reicht nicht aus, sich separat mit den Themen der Geschlechter- und Altersdiskriminierung auseinanderzusetzen. Vielmehr braucht es eine Untersuchung, wie Geschlecht, Nationalität, Staatsbürgerschaft, Ethnie, körperliche und geistige Gesundheit, Zivilstand, Wohnort und Aufenthaltsstatus den Alltag und die Lebensrealität im fortgeschrittenen Alter beeinflussen.
Altersdiskriminierung von Frauen wird aufgrund des demografischen Wandels weiter an Bedeutung gewinnen. Für eine nachhaltige Prävention braucht es mehr Wissen, denn Wissen ist Macht. Wüsste man mehr über den Zusammenhang von Gender und Altersdiskriminierung, könnte man die Ursachen systematisch angehen. Viele Frauen wünschen sich, würdevoll zu altern. Da Frauen von Anfang an wenig Würde zugestanden wird, scheint dieser Wunsch absurd. Das müssen wir ändern.