Locher Benguerel Sandra · Nationalrat · 2023-03-02
Locher Benguerel Sandra · Nationalrat · Graubünden · Sozialdemokratische Fraktion · 2023-03-02
Wortprotokoll
Unsere Kommission hat sich an drei Sitzungen ausführlich mit dem Thema Lehrpersonenmangel befasst. Anlässlich dieser Sitzungen haben wir die Berichte des Bundesamtes für Statistik zur Kenntnis genommen. Die Kommission ist der Meinung, dass nach wie vor Daten zu den Gründen für den Lehrpersonenmangel fehlen. Daher haben wir mit jeweils 18 Stimmen zwei Postulate beschlossen.
1.[NB]Postulat 22.4265, "Gezielte Datenerhebung als Massnahme gegen den Lehrpersonenmangel": Damit wird der Bundesrat beauftragt, gemeinsam mit den Kantonen und den pädagogischen Hochschulen aufzuzeigen, welche Gründe dazu führen, dass Lehrpersonen den Beruf verlassen bzw. dass sie darin verweilen, dies insbesondere in den Jahren nach dem Berufseinstieg.
2.[NB]Postulat 22.4266, wissenschaftliche Evaluationen von Schulreformen: Der Bundesrat wird beauftragt, gemeinsam mit den Kantonen und Bildungsinstitutionen grundlegende Schulreformen wie die Einführung neuer Unterrichtsfächer und Lehrpläne oder Veränderungen der Schulstrukturen zu evaluieren. Dabei ist insbesondere die Klärung der Frage entscheidend, wie sich die Reformen auf die Verweildauer der Lehrerinnen und Lehrer im Beruf auswirken. Dies zeigt, dass diese beiden Postulate in einem engen Zusammenhang stehen.
Zur Ausgangslage: Der Mangel an adäquat ausgebildeten Lehrpersonen hat sich im laufenden Schuljahr zugespitzt und wird sich weiter verschärfen. Dabei zeigt sich die Situation regional sehr unterschiedlich.
Weshalb braucht es dann diese beiden Postulate? Gemäss den aktuellen Szenarien 2022-2031 des Bundesamtes für Statistik beträgt der Anstieg der Schülerinnen- und Schülerzahlen 8 Prozent auf der Primarstufe respektive 11 Prozent auf der Sekundarstufe I. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Lehrpersonen um 6 Prozent. Somit gibt es eine Diskrepanz zwischen Bedarf und Angebot. Was bislang jedoch fehlt und notwendig ist, sind qualitative berufsspezifische Daten. Diese liefern Steuerungswissen, damit mit gezielten Massnahmen gegen den Lehrpersonenmangel angesetzt werden kann. Damit kann dem Lehrpersonenmangel längerfristig begegnet werden, und dies wirkt sich positiv auf die Bildungsqualität und die Berufsverweildauer aus. [PAGE 164]
Dabei spielen auch die Schul- und Unterrichtsreformen eine Rolle. Um eine fundierte Aussage darüber zu erhalten, ob eine Reform zu einer erhöhten Fluktuation geführt hat oder welche Anpassungen erforderlich sind, braucht es eben diese Evaluation.
Auf den Mangel an qualitativen Daten verweist eine aktuelle Studie der Pädagogischen Hochschule Schwyz. Ich zitiere: "Es fehlen in der Schweiz zu verschiedenen, für den Lehrkräftemangel zentralen Fragen systematische und differenzierende Befunde. Eine Intensivierung und Systematisierung der Forschung in diesem Themenbereich ist deshalb eine weitere wichtige, langfristig wirkende Massnahme [...]."
Wir haben uns in der Kommission auch ausführlich mit der Bildungshoheit bei der Volksschule befasst. Im Wissen um die und in Achtung und Wahrung der jeweiligen Zuständigkeiten ist es eine Frage der politischen Gewichtung. Deshalb ist die Kommissionsmehrheit der Meinung, dass gemäss Artikel 61a der Bundesverfassung der Bund gemeinsam mit den Kantonen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für eine hohe Bildungsqualität sorgen soll. Da der Lehrpersonenmangel die Bildungsqualität massiv gefährdet, ist es gerechtfertigt, dass der Bund entsprechende Studien in Auftrag gibt. Klar ist jedoch auch, dass die Massnahmen auf kantonaler Ebene definiert und auch umgesetzt werden müssen - hier kann der Bund keine Vorgaben machen.
Eine Minderheit ist damit nicht einverstanden und lehnt beide Postulate ab, da die Lösung der Problematik in die Zuständigkeit der Kantone falle.
Ich komme zum Schluss: Bereits im laufenden Schuljahr wird auf allen Ebenen Ausserordentliches geleistet. Damit wir längerfristig eine hohe Bildungsqualität halten können, als Grundlage für den Wissens- und Wirtschaftsplatz Schweiz, braucht es eine verbesserte Datenlage.