Lexipedia

Schlatter Marionna · Nationalrat · 2023-05-03

Schlatter Marionna · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2023-05-03

Wortprotokoll

Gerne lege ich eingehend meine Interessenbindung offen: Ich bin Präsidentin des Fachverbands Fussverkehr Schweiz.

Verkehr ist ein immerwährendes Thema der Bundespolitik. Wir sprechen über den Ausbau der Autobahnen, über den Ausbau der Infrastruktur für den öffentlichen Verkehr und über Velowege. Aber jede Strecke, egal ob mit Auto, Bus, Zug oder Velo, beginnt und endet auf der Fussverkehrsinfrastruktur. Die Fussverkehrsinfrastruktur ist nicht nur wichtig für Schulkinder und ältere Menschen, nein, sie spielt auch eine wesentliche Rolle als Zubringer und Schnittstelle zu allen anderen Verkehrsmitteln.

Das Gehen ist die natürlichste und gesündeste Form der Fortbewegung. Dazu brauchen wir keine Hilfsmittel und keine teuren Infrastrukturen. Ausserdem belastet das Gehen die Umwelt nicht. Das Gehen ist die einzige Mobilitätsform, die mehr bringt, als sie kostet. Allein der Gesundheitsnutzen des Zufussgehens lag 2018 bei 911 Millionen Franken. Untersuchungen belegen, dass sich Menschen im ganzen Leben mehr bewegen, wenn sie in einer bewegungsfreundlichen Umgebung aufwachsen.

Aber das Gehen ist nicht nur gesund, es bringt auch einen wirtschaftlichen Nutzen. Wo viele Menschen zu Fuss unterwegs sind, beispielsweise in Fussgängerzonen, wird mehr Geld ausgegeben, vom nicht monetarisierbaren sozialen Gewinn ganz zu schweigen. Kurz: Menschen zu Fuss schaffen Wert.

Das Zufussgehen ist zwar selbstverständlich, ein Selbstläufer ist es aber nicht. Viele Faktoren tragen dazu bei, ob mehr Menschen zu Fuss gehen oder nicht, von der Schulwegsicherheit bis hin zu Sitzbänken. Die gute Infrastruktur ist der wichtigste Faktor. So gibt es beispielsweise Zahlen, die belegen, dass Menschen bereit sind, viel längere Fusswege zum öffentlichen Verkehr auf sich zu nehmen, wenn der Fussweg attraktiv ist, wobei attraktiv bedeutet, dass die Wege sicher, direkt und ästhetisch ansprechend sind.

Die Bedeutung des Zufussgehens wird konstant unterschätzt. Es fehlt an Statistiken, und es fehlt an Zielen. So wurde beispielsweise bei der Spezialauswertung des Bundes zur Auswirkung der Covid-19-Pandemie auf das Mobilitätsverhalten das Zufussgehen schlicht nicht angeschaut, obwohl gerade die Pandemie die essenzielle Bedeutung des Gehens in das breite Bewusstsein gebracht hat.

Der Bundesrat argumentiert, dass mit dem beinahe vierzigjährigen Bundesgesetz über Fuss- und Wanderwege (FWG) bereits eine gute rechtliche Grundlage für den Fussverkehr bestehe. Das ist richtig. So werden mit dem FWG die Kantone beispielsweise dazu verpflichtet, die Fuss- und Wanderwegnetze in Plänen festzulegen. Wie der Bundesrat aber in der Antwort auf die Interpellation 21.4236 geschrieben hat, bestehen heute Mängel bei der Festlegung der Fusswegnetzpläne. Nur die Hälfte der Gemeinden in der Schweiz kennt einen kommunalen Fusswegnetzplan. Auch das ist Symptom dafür, dass der Fussverkehr auf allen Planungsebenen unterschätzt wird. Im Sachplan Verkehr des Bundes fehlen demnach auch Ziele zur Entwicklung des Fussverkehrs gänzlich.

Viele Länder haben erkannt, dass die Förderung des Fussverkehrs eine echte Chance ist. Ich lade Sie ein mitzugehen. Vielen Dank für Ihre Unterstützung. [PAGE 821]