Siegenthaler Heinz · Nationalrat · 2023-05-04
Siegenthaler Heinz · Nationalrat · Bern · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2023-05-04
Wortprotokoll
Beim Recherchieren für meinen Vorstoss habe ich festgestellt, dass wir eigentlich nur einen einzigen nationalen Feiertag kennen, nämlich unseren bekannten Bundesfeiertag. Alle anderen Feiertage sind kantonal geregelt, und die meisten sind religiös begründet. Im Kanton Bern z.[NB]B. haben wir zwei Tage zum Jahreswechsel und eben den schon erwähnten Bundesfeiertag, und[NB]dann[NB]gibt[NB]es[NB]noch acht weitere, religiös begründete Feiertage; in anderen Kantonen gibt es noch mehr solche Feiertage.
Wenn ich schaue, was eigentlich am 12. September 1848 ausgelöst wurde, dann bin ich erstaunt, dass der Bundesrat das weniger wichtig nimmt als eben anderes - Entschuldigung, mir fehlt gerade das richtige Wort; es geht um den Heiligen Geist, den wir ja schon bald zwei Tage lang feiern werden.
Die Inkraftsetzung der ersten Bundesverfassung ist ein einmaliges und in der Geschichte unseres Bundesstaates unverzichtbares Ereignis. Auch historisch und im internationalen Kontext gesehen, handelt es sich um ein aussergewöhnliches Ereignis. Inmitten von Monarchien und zu Zeiten einer hierarchischen Gesellschaftsordnung haben unsere Vorfahren ein Juwel geschaffen.
Nur einige Beispiele, was das auslöste: Während damals in anderen Staaten die Monarchen das Geld des Volkes mit Lustschlössern und Prunkbauten verprassten, haben unsere Vorfahren aufgrund dieser Verfassung, mit welcher man die politische Macht und den Wohlstand etwas auf die Bevölkerung verteilte, die Gotthardbahn geschaffen. Ein noch ganz junger Staat, damals noch das Armenhaus von Europa, schafft ein so grosses Projekt!
In der Gegend, aus der ich komme, im Seeland, hat man die erste Juragewässerkorrektion durchgeführt und damit ganz viel Elend und Armut aufgehoben, sodass die Leute nicht mehr auswandern mussten. Auch eine soziale oder humanitäre Höchstleistung gibt es zu beachten: In die Zeit fallen auch die Gründung des Roten Kreuzes und die grossartige Leistung, als auf einmal 87[NB]000 Männer der Bourbaki-Armee über Nacht in der Schweiz aufgenommen, verpflegt und betreut werden mussten. Das hat alles unser damals 20 Jahre alter Staat geschafft. Überlegen Sie sich: 20-jährige Staaten heute sind immer noch am Rudern und nicht gefestigt.
Diese Verfassung hat unser Land und unsere Bevölkerung vor allen Wirren des vergangenen Jahrhunderts - zwei Weltkriegen, Wirtschaftskrisen usw. - beschützt.
Wie dieser Feiertag begangen wird, das lasse ich in der Motion offen. Ich gehe nicht davon aus, dass man da wieder Bratwürste braten, Feuerwerk anzünden und Reden, denen niemand zuhört, halten muss; es soll wirklich ein Tag der Verfassung sein, sodass wir das nicht vergessen. Ich denke, für die moderne Schweiz ist das etwas ganz Wichtiges.
Natürlich, ich kenne den Nachteil der Bundesverfassung von damals: Man hat die Frauen einfach vergessen oder absichtlich übergangen, und das hat 130 Jahre lang gedauert. Das ist im Rückblick schon fast eine Schande, und ich entschuldige mich bei allen Frauen, dass das damals geschehen ist und dass es dann noch so lange gedauert hat, bis man diesen Fehler in der sonst herausragenden Bundesverfassung korrigiert hat.
Ich bitte Sie daher, meiner Motion zuzustimmen. [PAGE 901]