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Imboden Natalie · Nationalrat · 2023-06-05

Imboden Natalie · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2023-06-05

Wortprotokoll

Die AHV ist unbestritten ein zentrales Sozialwerk in diesem Land. Sie war es in der Vergangenheit und soll und wird und muss es auch in Zukunft bleiben. Da es so wichtig ist, geht es hier auch um eine politische und nicht um eine arithmetische Frage, wie uns das die Renten-Initiative suggerieren will. Die Renten-Initiative will das Rentenalter künftig arithmetisch mit einer durchschnittlichen Entwicklung der Lebenserwartung koppeln. Dabei ist das Leben der Menschen nicht arithmetisch durchschnittlich. Unter der Wirkung der Renten-Initiative würden denn auch besonders Menschen mit tieferen Einkommen leiden.

Das zeigt ein Blick in die Mortalitätsstatistik. Haben Sie gewusst, dass Männer im Kanton Zug mit der Lebenserwartung von 83 Jahren eine über fünf Jahre höhere Lebenserwartung haben als die Männer im Kanton Glarus, dem Ort in der Schweiz, wo die Männer am wenigsten alt werden? Übrigens gibt es die gleichen Zahlen auch bei den Frauen. Wahrscheinlich hat das im Kanton Zug nicht mit der Zuger Kirschtorte zu tun, sondern eher mit dem sozioökonomischen Kontext.

Wenn wir das Sterberisiko nach Berufen verteilt anschauen, sehen wir, dass bei den Männern die Berufsleute, die im Maschinenbau, mit Gerätschaften, auf dem Bau, aber auch im Energiebereich arbeiten, ein fast dreimal höheres Mortalitätsrisiko, also Sterberisiko, haben als ein Professor oder eine Lehrperson. Bei den Frauen sind die Berufe im Gastgewerbe und in der Hotellerie jene mit der tiefsten Lebenserwartung. Wer dort arbeitet, hat einen harten Job, wenig Lohn, unregelmässige Arbeitszeiten, ein schwieriges Arbeitsumfeld und stirbt früher als Menschen im Durchschnitt.

Ein Blick in diese Statistiken zeigt: Vor dem Tod sind eben nicht alle gleich, denn je reicher und je ausgebildeter die [PAGE 1087] Menschen in diesem Land sind, desto länger leben sie. Die Renten-Initiative hat eben genau darum einen grundlegenden Konstruktionsfehler: Sie ist nicht nur starr, sie ist auch unsozial. Wir wissen heute: Wer weniger verdient, wer eine weniger gute Ausbildung hat, lebt eindeutig weniger lange, und, schlimmer noch, auch die Gesundheit ist damit verbunden weniger gut. In den Jahren, in denen die Menschen im Alter leben, sind sie dann auch noch häufiger krank. Wenn das allgemeine Rentenalter linear steigt, bleibt diesen Menschen, die es bereits im Erwerbsleben nicht immer einfach hatten, aber einen wichtigen Beitrag an unsere Gesellschaft geleistet haben, weniger Zeit im wohlverdienten Ruhestand - das ist unsozial. Wer bereits sein Leben lang im Beruf hart gearbeitet hat, soll auch einen anständigen Ruhestand geniessen und erleben dürfen.

Darum - ich komme zum Schluss - ist die vorliegende Initiative falsch. Sie ist starr, einseitig und insbesondere unsozial. Aus diesen Überlegungen wird sie von der grünen Fraktion eindeutig abgelehnt. Über die Halbwertszeit oder über die Lebensdauer dieser Initiative wird am Schluss die Bevölkerung entscheiden, und ich hoffe, dass sie dazu Nein sagen wird. Wer hart gearbeitet hat in diesem Land, soll auch ein Recht auf den verdienten Ruhestand haben.